
Durchblick 8+ – Stella und der Stern des Orients – E. Schmidt – D 2008 – 83 min
Die Zeitreise von Stella im Film umfasst 100 Jahre Familiengeschichte, in denen sich die Vorstellungen von der Institution der Familie wie auch von den sozialen Rollen der Eltern und der Kinder entscheidend verändert haben: Der Vater hat seinen Status als absolute Autorität verloren. Vater und Mutter gelten als gleichberechtigte Partner. Den Kindern soll eine ihrem Lebensalter entsprechende Entwicklung ermöglicht werden. Erziehung bedeutet heute, auf die individuellen Bedürfnisse von Kindern einzugehen und ihre individuellen Begabungen zu fördern. Im Film werden diese Veränderungen anhand der vier Generationen in Stellas Familie erzählt. Clementine, die Urgroßmutter von Stella, kann durch die Unterstützung ihres Onkels Anton den ersten Schritt zur Gleichberechtigung der Frauen in ihrer Familie durchsetzen. Stella erkennt auf Grund ihrer Zeitreise, dass die Möglichkeit, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, nicht immer selbstverständlich war, sondern eine von Frauen über Jahrzehnte erkämpfte Errungenschaft darstellt.
Clementines Familie
Stella ist sehr verwundert über das Familienleben vor 100 Jahren. Sie ist überrascht von der autoritären Rolle „des Vaters“. Auch das Verhalten der Eltern gegenüber ihren Kindern wie auch das zwischen Mann und Frau ist für Stella unverständlich und reizt sie zum Widerspruch. Die Familie Clementines ist jedoch nicht überzeichnet, sondern entspricht der einer typischen bürgerlichen Kleinfamilie zu Kaiser Wilhelms Zeiten am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die „Vaterrolle“
Der Vater war das alleinige Familienoberhaupt. Er war der „Ernährer“ der Familie . Clementines Vater stellt den neuen Typ des Unternehmers dar, der sich im zunehmend rücksichtsloser werdenden Kapitalismus behaupten musste. Clementines Vater ist überzeugt von Eigenschaften wie Arbeitsdisziplin, Fleiß, Rechtschaffenheit, Ordnung und Gehorsam. Er vertrat aber auch durchaus moderne Ansichten und engagiert sich für den technischen Fortschritt. Der Lebensstil war großbürgerlich und unterschied sich von dem einfacher Arbeiter. Man lebte in einer Villa und hatte Dienstboten. Für die bürgerliche Familie bedeutete die akademische Bildung ein wichtiges „Kapital“ für den sozialen Aufstieg. Doch nur wer auch genügend Einkommen und Besitz hatte, konnte sich damals Bildung leisten. Man heiratete „unter sich“, auf keinen Fall jemand von niederer sozialer Herkunft. Allerdings musste man nicht mehr nur aus wirtschaftlichen Gründen heiraten.
Die „Frauen-/Mutterrolle“
Die Frau war für die Familie zuständig. Ein geordnetes Familienleben war wichtig. Die Familie musste eine Art positiven Gegenpart zur bedrohlichen und feindlichen äußeren Welt darstellen. Das Idealbild der Frau war ein „Gegenbild“ zur Rolle des Mannes. Die Frau sollte behütet und „unberührt“ sein. Es war verpönt, dass sie bereits sexuelle Erfahrungen vor der Ehe machte. Gerade in der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es viele Wissenschaftler, die beweisen wollten, dass die Frau von Geburt an weniger intelligent sei als der Mann und dass ihre „natürliche“ Bestimmung in der Aufzucht der Nachkommen, also der Kinder, bestünde. In dieser Zeit entstand die Frauenbewegung, die für die Gleichberechtigung eintrat. Im 19. Jahrhundert gelang es bereits einigen wenigen Frauen, zum Studium an den Universitäten zugelassen zu werden.
Die Rolle der Kinder
Kinder aus bürgerlichen Familien, wie Clementine und Gustav, wurden schon früh auf ihre spätere Geschlechterrolle vorbereitet, die Mädchen als Hausfrau und die Jungen als Geschäftsmann oder zumindest für einen Beruf, der einer „höheren“ Ausbildung bedurfte. Für die Kinder war der Vater zwar im Alltag kaum präsent, doch seine Autorität war überall spürbar. Die Tischsitten waren sehr streng. Kinder durften nur sprechen, wenn sie gefragt wurden. In Deutschland war der Unterschied zwischen armen und reichen Kindern sehr groß: Kinder aus dem Adel und großbürgerlichem Hause wuchsen meist ohne finanzielle Sorgen auf. Sie wurden betreut von Kindermädchen, Gouvernanten oder Hauslehrerinnen und hatten ein eigenes Kinderzimmer. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war sehr streng. Kindererziehung war vergleichbar mit einer „Dressur“. Strafen und Prügel waren an der Tagesordnung.
Die Kinder von Kleinbauern und Arbeitern lebten meist in Armut. Sie mussten für ihre jüngeren Geschwister Verantwortung übernehmen. Nach einer Untersuchung des zeitgenössischen Sozialexperten Gustav Schmoller gab es um die Jahrhundertwende 250.000 aristokratisch vermögende Familien (Grundbesitzer und Unternehmer), 2,75 Millionen Familien des oberen Mittelstandes (dazu zählte auch Clementines Familie) und 3,75 Millionen Familien des unteren Mittelstandes (ohne Dienstpersonal, Kleinbauern, Handwerker, Händler, niedrige Beamte, Angestellte, Facharbeiter). Die große Mehrheit der Kinder stammte aus den 5,25 Millionen Familien der unteren Schichten, die am Rande oder in Armut lebten. Dazu zählten Lohnarbeiter, ärmere Handwerker, Kleinbauern und Familien ohne Väter.
Und wie sah damals das Leben von armen Kindern aus? Sie litten oft an Hunger, lebten in sehr schlechten Wohnungen, die meist unbeheizt waren. Keines der Kinder hatte ein eigenes Zimmer und keine Aussicht auf einen besseren Beruf. Ein Junge, der in einer Bauernfamilie aus Norddeutschland aufwuchs, erinnerte sich an seinen Wochenspeiseplan: „Kartoffelsuppe, Buttermilch und Kartoffeln, Kohl und Kartoffeln, Mohrrüben und Kartoffeln. Fleisch nur ein oder zweimal die Woche, abends ein Gemengsel aus Wasser, Mehl und alten Brotkrusten und etwas Milch. Oder einen Abend Kartoffeln und Hering.“ Ein Holzfäller aus Bayern erzählt von den damaligen Wohnverhältnissen: „Zum Schlafen habe ich nicht einmal ein Zimmer gehabt, sondern nur ein altes Bett neben dem Heuboden. Wir waren doch alle unterkühlt; hauptsächlich im Winter fehlten uns eine wärmere Kleidung, Unterwäsche und gute Schuhe. Von Frühjahr bis Herbst mussten wir sowieso nur barfuß rumlaufen und auch zur Schule gehen. Ich hatte nach meiner Schulzeit jahrelang zu tun, um meine erfrorenen Zehen, Finger und Ohren auszuheilen. Noch Jahre danach als Knecht sind mir jeden Winter die kleineren Zehen und die Ohren am Rande aufgebrochen, und die Haut hat sich über einer wässrigen halb eitrigen Flüssigkeit abgeschält.“ Die Mädchen bekamen keine Ausbildung. Wer aus armen Verhältnissen stammte, musste früh im Haushalt arbeiten und die jüngeren Kinder versorgen. Wie schlecht es den Kindern damals ging, zeigt die Sterberate. Im Jahr 1901 starben in Berlin 55% der Arbeiterkinder noch vor dem 6. Lebensjahr, in den reicheren Familien waren es nur 13%. Es gab zwar die Schulpflicht, doch viele Kinder mussten die Schule schwänzen, um durch die Arbeit den Verdienst für die Familien aufzubessern.
Literatur:
Weber-Kellermann, Ingeborg, Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte, Frankfurt am Main, Ausgabe 1996.
Niehuss, Merith, Zwischen Seifenkisten und Playmobil. Illustrierte Kindheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 2007.