
Durchblick 8+ – Stella und der Stern des Orients – E. Schmidt – D 2008 – 83 min
Stella lernt in der Silvesternacht den Pioniergeist kennen, der ihre Familie seit Generationen prägt. Ihr Ur-Urgroßvater war bereits im 19. Jahrhundert beim Bau neuer Eisenbahnlinien tätig. Allerdings zeigt der Film auch, dass technischer Pioniergeist mit hohen finanziellen Risiken verbunden war. Beinahe hätte die Familie ihre finanzielle Grundlage verloren.

Stellas Ur-Urgroßvater, der Eisenbahnpionier
Ein noch wagemutigerer Abenteurer war Ur-Uronkel Anton. Er reiste in ferne Länder und baute sogar eine „Flugmaschine“. Im Film gibt es noch weitere Beispiele von Onkel Antons Erfindungsgeist: eine Prothese und eine Schuhputzmaschine. Doch im Gegensatz zu Clementines Vater war er auch ein unorthodoxer „Freigeist“ . Er reiste in ferne Länder und war überzeugt von der Gleichwertigkeit aller Menschen. Jeder sollte die gleichen Rechte und Möglichkeiten erhalten, egal welchem Geschlecht oder welcher Kultur er angehörte, ob er arm oder reich war. So sollte auch Clementine ebenso wie ihr Bruder Gustav die Möglichkeit bekommen, zu studieren. Deswegen vermachte er Clementine einen Schatz. Nicht Gustav, sondern ihr schenkte er das Amulett mit der Kassiopeia. Das Sternbild sollte ihr den Weg zum Schatz und zu ihrer neuen Freiheit führen. So wanderte das Amulett als Symbol der Emanzipation von einer Frauengeneration zur nächsten.

Stellas Ur-Uronkel Anton, der Abenteurer und Freigeist
Frauen fanden sich schon immer unter den Erfindern, sie wurden meist nur wieder vergessen. So ist uns Dank mündlicher Überlieferungen und wissenschaftlicher Untersuchungen bekannt, dass es bereits in der Vorgeschichte auch Frauen gegeben haben muss, die wichtige Techniken für das Überleben und Zusammenleben erfunden hatten, wie das Färben und das Gerben von Leder oder das Brennen von Ton. Im 17. Jahrhundert begannen auch die Frauen, sich mit den damals aufkommenden Naturwissenschaften zu beschäftigen, die die Grundlagen für die vielen wichtigen technischen Erfindungen im Industriezeitalter legten. Im 19. Jahrhundert veränderte sich Deutschland wie viele Länder, in denen die Industrie Fuß fassen konnte, von einer auf Landwirtschaft und Handwerk gegründeten Gesellschaft zu einer von Verstädterung und industrieller Massenproduktion geprägten Volkswirtschaft. Neue Wissenschaften, allen voran die Naturwissenschaften – im Bereich der Biologie, Physik, Chemie, Medizin, Technik – konnten sich etablieren. Diese Veränderungen brachten viele Erfindungen hervor. Auch hier hatten Frauen einen beträchtlichen Anteil. Doch rechtlich waren die Frauen den Männern nicht gleich gestellt. Sie mussten um ihre Zulassung an den Universitäten und um die Anerkennung ihrer Patente kämpfen. Um sich das Eigentumsrecht an einer Idee zu sichern, muss der Urheber bzw. der Erfinder sich ein Patent ausstellen lassen. Voraussetzung dafür war schon immer, dass es sich um eine einmalige Erfindung handelt, d.h. niemand zuvor schon diese Idee hatte. Die ersten Patente stammen aus England, aus der Tudorzeit. Elizabeth I. hatte bereits im Jahr 1561 das erste Patent verliehen. Die erste Frau bekam 80 Jahre später – im Jahr 1641 – das Eigentumsrecht für die Erfindung einer „Tinktur aus Safran, Rosen etc.“ verliehen. Die Erfindungen von Frauen beschränkten sich auch früher nicht allein auf die typisch weiblichen sozialen Betätigungsfelder, wie Körperhygiene oder Krankenpflege, Kleidung, Kindererziehung oder Haushalt. Viele wissenschaftliche Leistungen von Frauen auf technischem Gebiet sind heute in Vergessenheit geraten.
Maria, die Jüdin (Alexandria, 1. Jhdt. n. Chr.) beschäftigte sich mit der Alchimie. Ihre Erfindungen trugen bis heute wesentlich zur Verbesserung der Labortechnik bei: Das Wasserbad (balneum mariae) wird heute noch angewandt. Mit Hilfe eines doppelwandigen Kessels können Substanzen bei konstanter Temperatur gehalten oder Reagenzien langsam erhitzt werden. Sie erfand den ersten Destillierapparat. Ihre wichtigste Erfindung war der Kerotakis, eine Art Rückflussapparat für die Sublimation von Salzen, Metallen und Elementen. In diesem wurden die Dämpfe von Arsen, Quecksilber und Schwefel erzeugt und aufgefangen. Bis heute wird im Englischen eine Metallverbindung nach ihr benannt: Mary´s Black.
Trotula (Salerno, Italien; 11. Jhdt. n. Chr.) zählt zu den bekanntesten frühen Ärztinnen. Ihre Ausbildung muss sie zu Hause erhalten haben. Dass sie als Frau praktizieren durfte, stellte eine Ausnahme dar. Die Erlaubnis erhielt sie wohl anlässlich der großen, damals grassierenden Pestepidemien. Ihre Schriften „De Compositione Medicamentorum“ und „Practica Brevis“ dienten viele Jahrhunderte als wichtige Grundlagen für die medizinische Lehre und Praxis. Sie war eine der ersten Mediziner, die ihre Patienten ohne Astrologie, Gebete oder Magie behandelte. Für ein gesundes und langes Leben empfahl sie ihnen dagegen Hygiene, ausgewogene Ernährung, körperliche Bewegung und Vermeidung von Stress – damals eine sehr fortschrittliche Erkenntnis. Ihre Diagnosen stellte sie ausgehend von der Untersuchung des Farbtons der Haut, des Pulses, des Gesichtsausdruckes und des Urins. Sehr wichtige Neuerungen, die sie einführte, verbesserten die Hilfen beim Geburtsvorgang (Dammschutz, Nähen des Damms nach der Geburt) wie auch die Nachversorgung von Mutter und Kind. Sie war mit dem Arzt Johannes Platearius verheiratet. Auch ihre zwei Söhne beschäftigten sich mit der medizinischen Wissenschaft. Trotula hatte großes Glück, dass sie nicht als „Hexe“ verfolgt wurde. So wurden im Mittelalter zehntausende von Frauen von der kirchlichen Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie sich an den Heilkünsten versuchten.
Maria Gaetana Agnesi (Italien, 18. Jhdt.), eine damals berühmte Sprachwissenschaftlerin, wird bis heute mit der „Hexerei“ in Verbindung gebracht. Sie erfand eine mathematische Formel, die bis heute auch „Agnesische Hexe“ genannt wird und eine wichtige Grundlage der Differentialrechnung darstellt. Ihr Werk „Instituzioni Analitiche“ gilt heute als Klassiker der Mathematik und Grundstein für die Integralrechnung. Maria Agnesi (geb. 1718) war ein Wunderkind und Sprachgenie. Bereits mit neun Jahren veröffentlichte sie eine Schrift, in der sie das Recht der Frauen auf höhere Bildung verteidigte. Bei ihrem ersten Buch zur Differentialrechnung war sie 20 Jahre alt. Insgesamt umfasste das Werk drei Bände. Unterrichtet wurde sie zuerst zu Hause, von ihrem Vater, einem Professor für Mathematik in Bologna. Sein Lehrstuhl sollte ihr im Jahr 1750 übertragen werden, da sie sehr große Berühmtheit erlangte. Doch sie lehnte ab. Sie wollte in ihrer Heimatstadt Mailand bleiben. In den letzten 15 Jahren ihres Lebens unterhielt sie in ihrem Haus ein öffentliches Spital für die Armen und Kranken in ihrer Heimatstadt.
Louisa Llewellin (England): Sie erhielt im Jahre 1904 das Patent für „Handschuhe zur Selbstverteidigung und andere Zwecke“ für Frauen auf Reisen. Die Handschuhe konnten während der gesamten Reisezeit oder nur zeitweilig getragen werden. Sie hatten an den Fingerspitzen scharfe Stahlkrallen oder Nägel. Die Erfinderin beschrieb den Zweck mit folgenden Worten: „Selbstverteidigung und für andere Zwecke und sind vor allem für Damen gedacht, die allein reisen und daher von Dieben und anderem Gelichter leicht angegriffen werden können. Mit Hilfe dieser Vorrichtung soll das Gesicht einer Person nachhaltig entstellt werden können, und das bloße Herzeigen des Artikels, um den es in meiner Erfindung geht, würde einen Angreifer umgehend davor warnen, was ihn erwartet, sollte er nicht von der Verfolgung seiner schändlichen Absichten ablassen, und die Tatsache, dass er im Falle des Festhaltens an derselben mit Sicherheit Kratzer abbekäme, mit denen er überall auffiele, würde als Abschreckung dienen … andernfalls wird er so schlimm zerkratzt werden, dass die meisten Leute ihre Belästigungen einstellen.“
Melitta Bentz (Deutschland) erfand im Jahr 1908 den Kaffeefilter. Begonnen hatte alles damit, dass der Hausfrau aus Dresden der Kaffee nach der bis dahin üblichen Machart zu bitter erschien. Die gemahlenen Bohnen wurden lose in einem Stoffbeutel in das kochende Wasser gehängt. So behalf sich Melitta Bentz mit dem Löschpapier aus einem Schulheft ihres Sohnes, aus dem sie ein kreisrundes Stück ausschnitt und dieses auf den Boden einer Blechdose legte, in die sie vorher viele feine Löcher gebohrt hatte. Die Dose füllte sie dann mit gemahlenen Bohnen, setzte sie auf eine Kaffeekanne und überbrühte sie mit kochendem Wasser. Die Melitta Filter waren geboren, und später, als der Kaffeefilter in Produktion ging, auch die „Melitta Werke“. Die ursprünglich runde Form wurde bald durch die uns heute vertraute konisch zulaufende Trichter-Form ersetzt.
Sheila O’Neill (England) reichte 1910 ein Patent für die „Verbesserungen an Flugmaschinen“ ein. Sie erfand eine Neuausrichtung von Propeller und Chassis, damit ein Eindecker mit Frontmotor entweder automatisch oder manuell vom Boden abheben konnte, um besser beschleunigen zu können und damit an Höhe zu gewinnen. Beim Versagen des Motors ließ sich das Flugzeug in eine Gleitposition bringen, so dass eine sichere Landung ermöglicht wurde. ( „Wenn der Propeller innerhalb des Rahmenchassis oder des Flugzeugrumpfs solcher Art montiert wird, dass er leicht nach aufwärts geneigt ist, muss man das Flugzeug nicht so steil nach oben ziehen … wodurch sich der Verlust an Antriebskraft verringert, der gewöhnlich durch Reibung und Luftwiderstand infolge des atmosphärischen Druckes hervorgerufen wird.“)
Marie Curie (geb. Sklodowska; Polen/Frankreich) erhielt gleich zweimal den Nobelpreis, im Jahr 1903 (mit ihrem Mann Pierre Curie und Antoine Henri Becquerel) für Physik und im Jahr 1911 für Chemie. Das Ehepaar Curie erforschte die radioaktiven Elemente „Polonium“ (benannt nach Maries Heimatland) und Radium. Marie Curie fand schließlich heraus, dass Radium auch Zellen zerstören konnte. Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich die Radiumtherapie gegen Krebszellen. Nach dem Unfalltod ihres Mannes wurde sie die erste Professorin an der Sorbonne in Paris. Nach ihrem zweiten Nobelpreis wurde Marie Curie 1914 zur Leiterin des Radium-Instituts ernannt.
Barbara McClintock (USA) erhielt im Jahr 1983 den Nobelpreis für Medizin. Im Jahr 1951 entdeckte sie die „springenden Gene“. Sie bewies damit, dass die Gene nicht in einer festgelegten, linearen Ordnung auf den Chromosomen aufliegen, sondern, dass sie ein zufälliges Verhalten zeigen und sogar von einer Zelle zur anderen wandern konnten. Damit war auch die lange anerkannte Annahme widerlegt, dass sich die erblichen Merkmale nach einer bestimmten, immer wiederkehrenden Logik verhalten und damit vorhersagbar sind. Sie gründete ihre revolutionäre Theorie auf die Beobachtung von Generationen von Maispflanzen. Nach der Publikation ihrer Forschungsarbeiten erntete sie vehemente Ablehnung. Es dauerte noch über 30 Jahre, bis diese auch wissenschaftlich anerkannt wurde. Barbara McClintock war eine der ersten Frauen, die als Mitglied in die National Academy of Sciences aufgenommen wurden (1944). Damals sagte sie in ihrer Dankesrede: „Ich bin keine Feministin, aber ich bin immer dankbar, wenn unvernünftige Barrieren durchbrochen werden – für Juden, Frauen, Schwarze usw. Das hilft uns allen.“
Literatur:
Vare, Ethlie Ann/ Ptacek Greg; Patente Frauen. Große Erfinderinnen; Wien und Darmstadt 1989.