
Die zentrale Frage des Films, zu wem Kristina/Aida nun eigentlich gehören soll, zu Senada mit oder ohne Samir, ihrem leiblichen Vater, oder zu den Adoptiveltern Heinle, bestimmt auch die Darstellung bzw. die Charakterisierung der vier Hauptprotagonisten. Eine Analyse des Verhaltens der vier Hauptcharaktere kann sich demnach an folgenden drei Aspekten orientieren:
(1) Wie lässt sich die Beziehung der Protagonisten zu Aida/Kristina charakterisieren und inwieweit prägt diese das Verhalten gegenüber den anderen Figuren? (Figurenkonstellationen)
(2) Inwieweit bestimmen die jeweils sehr gegensätzlichen sozialen Situationen, die zu dem Konflikt geführt hatten, die Erfahrung des Krieges in Bosnien und die situierte bürgerliche Welt in Deutschland, die sozialen Verhaltensmuster der Protagonisten? (Rollenzuschreibung, Setting)
(3) Welche Position nimmt die Figur in dem Konflikt ein und aus welchen unterschiedlichen Sichtweisen wird diese dargestellt (Selbst-, Fremd- oder Erzählercharakterisierung)?
Senada ist die leibliche Mutter von Aida. Wenn Senada „Aida“ sagt, meint sie das zweijährige Mädchen, das in den Kriegswirren von den Eltern getrennt wurde und seither als vermisst galt. Senada ist die eigentliche Auslöserin des Hauptkonfliktes in der Frage, zu wem Aida/ Kristina gehört. Ohne sie wäre es nicht zu der Konfrontation zwischen beiden Eltern gekommen. Denn weder hat Samir die gleiche Energie bei der Suche nach Aida entwickelt, noch haben die Adoptiveltern etwas unternommen, um letzte Sicherheit über den Verbleib der leiblichen Eltern zu bekommen. Senada gibt sich mit der Erklärung „Aida ist vermisst“ nicht zufrieden. Ihre Suche nach dem verschwundenen Kind wird zu einem zentralen Teil ihrer Identität nach dem Krieg, an dem sie fast zerbricht. Die Erfüllung ihres Traumes, das Wieder-Zusammensein mit Aida, macht Senada zur Voraussetzung dafür, wieder ein ‚normales“ Leben, einen Neuanfang nach dem Krieg beginnen zu können. Ihre Umgebung versteht und unterstützt sie in dieser Frage nicht. Im Gegenteil. Sowohl ihre Freundin als auch Samir versuchen Senada davon abzubringen, weil sie sie schützen wollen.
Ob und in welcher Weise Senadas Verhalten von erlittenen Kriegserfahrungen geprägt ist, wird im Film nur angedeutet. Man erfährt, dass sie zu dem Zeitpunkt, als Aida verschwand, in einem Lager eingesperrt war, und auch die sexuelle Nötigung durch Herrn Heinle scheint an einem Trauma von Senada zu rühren. Auch die Jugendamtsmitarbeiterin deutet an, dass sie über Vergewaltigungen Bescheid wisse, und deswegen auch Verständnis für Senadas Verhalten zeige.
Gegenüber dem Ehepaar Heinle verhält sich Senada ganz auf ihr Ziel ausgerichtet: sie will ihre Tochter zurück. Doch auch ihre unterlegene Situation spielt hier eine große Rolle: Sie kann sich sprachlich schlecht verständigen. Dazu kommt, dass sie weder als Illegale noch als leibliche Mutter gleiche Rechte hat. Dennoch ist Senada keineswegs nur ein hilfloses Opfer. Das wird sowohl in den Szenen in Brcko als auch in ihrer Hartnäckigkeit gegenüber dem Jugendamt und dem Ehepaar Heinle deutlich.
Die Unnahbarkeit von Senada verschwindet in den beiden Momenten, in denen sie glaubt, ihrer Tochter nahe zu sein: beim ersten Telefonat und bei ihrer letzten Begegnung. Hier wird ihre emotionale Kraft deutlich, die innige Liebe, die sie ihrer Tochter gegenüber empfindet aber auch ihre Empathie und ihr Bedürfnis, sie schützen zu wollen. Die Einsicht, ihrer Tochter zu schaden, aber auch ihre persönliche Stärke bewegen letztlich Senada zu der Entscheidung, Kristina in ihrem bisherigen Umfeld zu belassen.
Gegenüber Samir verhält sie sich anfangs ablehnend und fordernd zugleich. Erst als sie zum ersten Mal etwas von ihm über die damaligen Geschehnisse erfährt, über seine Gefühle und seinen Entschluss, Aida retten zu wollen, beginnt sie, ihn zu verstehen.
Samir sieht man seine Gefühle gegenüber Senada an. Er wünscht sich immer noch ein Leben mit Senada. Im Gegensatz zu ihr hat er sich längst damit abgefunden, dass es dann nicht mehr ein Leben mit Aida sein kann. Im Film gibt es auch keine Szene, in der er versucht, Kristina zu begegnen oder mit ihr zu sprechen. Es sind die kleinen Gesten, mit denen er seine Gefühle zeigt. Wie tief ihn der Verlust seiner Tochter getroffen hat, wird an der Art und Weise, wie er ihr Bild aufbewahrt hat, deutlich. Als er am Telefon von Senada erfährt, dass Aida noch lebt, sagt er nicht viel, doch seine Mimik und die Tonlage seiner Stimme drücken unsagbare Erleichterung und Freude aus. Gegenüber Senada offenbart er seine Zuneigung in der Art und Weise, wie er die Decke über ihren Beinen zurecht zieht, oder ihr den gewaschenen Pulli zurückgibt, den er für sie aufbewahrt hat.
Samir ist die Figur, die für den Krieg und seine Folgen steht. Er ist nicht von zu Hause fortgezogen, sondern lebt in einem Provisorium. Die Spuren des Krieges sind noch deutlich. Dem Haus sind Kriegsschäden und Plünderungen anzusehen, er verdient wenig als Textilverkäufer auf dem Markt, er pflegt Kontakte zu Dzigura, dem Schieber. Als er am Ende gewaltsam, bewaffnet mit einer Handgranate, seine Tochter entführen möchte, sagt er, dies sei „seine Weise“ der Lösung. In seinem Aussehen und seinem sozialen Umfeld spiegeln sich die vom Krieg zerklüfteten Landschaften: Ruinen innerhalb einer Natur, die sich das Land wieder zurückerobert.
Wie sehr er selbst noch mit den Folgen des Krieges kämpft wird deutlich, als es ihm zum ersten Mal gelingt, Senada von den traumatischen Erfahrungen im eingeschlossenen Brcko zu erzählen, über seine Todesangst um seine Tochter und um sich, und wohl auch um Senada, die in einem der berüchtigten Lagern gefangen war. Der Gefühlsausdruck zeigt auch, wie sehr die Kriegstraumata die Menschen gefangen nehmen. Samir und Senada benötigten Jahre der Trennung und des Schweigens, um erst weit entfernt von ihrer Heimat mit dem Sprechen darüber beginnen zu können.
Gegenüber Kristina, den Adoptiveltern und den anderen Protagonisten in Deutschland entwickelt Samir keinerlei Beziehung. Er steht gemeinsam mit Dzigura auf der anderen Seite, der des Krieges in Bosnien. Dies wird in der Abschiedsszene mit Kristina schon mittels der Standpositionen veranschaulicht. Diese Seite ist gleichzeitig auch die Heimat von Senada und damit ihre Zukunft.
Lars Heinle, der Adoptivvater, übernimmt die aktivere, tragendere Rolle des Ehepaares. Er ist derjenige, mit dem Senada als erstes den Kontakt aufnimmt. Er ist zugleich aber auch der Verursacher des Nebenkonflikts, in dem er sexuell zudringlich wird. Damit verstärkt er die Opferrolle von Senada, die sie im Hauptkonflikt einnimmt. Lars wird charakterisiert als jemand, der in einer persönlichen Krise steckt, was auch die Ursache für seinen Übergriff gegenüber Senada sein dürfte. Seiner Empfindung nach hat er seine bürgerlich etablierte soziale und berufliche Stellung auf Kosten seiner Unabhängigkeit erreicht. Diese Ich-bezogene Haltung drückt sich auch in seiner Beziehung zu den anderen Protagonisten aus, vor allem gegenüber Senada und seiner Frau. Auch wenn er sich gegenüber Senada entschuldigt und er gegenüber seiner Frau an die leidvollen Kriegserfahrungen von Senada erinnert, oder Senada das Treffen mit Kristina ermöglicht, können diese Zugeständnisse auch als „schlechtes Gewissen“ oder „Vertuschen wollen“ interpretiert werden. Zudem wird er in keiner Szene gezeigt, in der er zärtlich ist oder sich empathisch verhält. Es gibt auch keine Szene, in der er mit Kristina alleine oder im engeren Kontakt mit ihr gezeigt wird.
Der Adoptivmutter wird im Vergleich zu den anderen der kleinste Handlungsspielraum gegeben. Das entspricht auch ihrer geringeren Präsenz. Zugleich aber repräsentiert sie die Verantwortung für die Härte, in der der Konflikt ausgetragen wir. Sie nimmt die eindeutig ablehnende Haltung gegenüber Senada ein und ist Ursache, dass sich keine alternativen Lösungsmöglichkeiten entwickeln. Der Zuschauer erhält auch wenig zusätzliche Informationen über oder Einblicke in ihre Persönlichkeit. Bei einem Gespräch mit ihrem Mann erfährt man, dass sie eine juristische Ausbildung hat, doch nur in dem Zusammenhang, dass sie diese nun unerbittlich gegen Senada einsetzen möchte. Ansonsten bleibt der gehobene Lebensstandard, der sich in der Einrichtung des Hauses, der Automarke wie auch in ihrem Aussehen, ihrer Kleidung und ihrem Habitus ausdrückt, eine der wichtigsten Charakterisierungen ihrer Figur: sie erscheint als die typische bürgerliche Frau, die auf ihre soziale Stellung bedacht ist, zu der die Rolle der Ehefrau und Mutter ebenso wie die der gebildeten, selbstbewusst-aktiven Frau gehört. Nur in einer Szene wird ihre ich-bezogene Haltung durchbrochen. Die Mutter entdeckt, dass Kristina ins Bett gemacht hat. Diese wird zur Schlüsselszene, die auch ihre Härte gegenüber Senada erklären könnte. Im Vergleich zu ihrem Mann nimmt sie gegenüber Kristina die vertrautere und emotionalere Haltung ein.
Beide Adoptiveltern scheinen die soziale Situation von Senada und damit auch die Ursache der Adoption, den Krieg in Bosnien und die Herkunft der Adoptivtochter nicht thematisieren zu wollen, was in der Folge die Haltung gegenüber Senada bestimmt. Sie wird nicht nur als Mutter von Kristina/Aida abgelehnt. Die Adoptiveltern blenden die leidvollen Erfahrungen des Krieges und der damit verbundenen Problematik der Adoption aus. Denn der Tod der Eltern war nie sicher. Auch haben sie bisher ihrer Tochter die Adoption und deren Hintergründe verschwiegen. Somit bietet das Elternpaar trotz ihrer überlegenen Position keine Lösung an, die eine Verständigung zwischen den beiden unterschiedlichen „Welten“ ermöglichen könnte. Im Sinne von Kristina/Aida verzichtet die unterlegene Seite auf die Zuspitzung des Konflikts und „verschwindet“.
Trotz der Schlüsselrolle, die das Mädchen im Film einnimmt, bleibt sie eine Nebenfigur. Dies zeigt sich auch in ihrer geringen Präsenz. Sie hat nur sehr wenige Auftritte. Ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken und Gefühle wie auch ihre Haltung in diesem Konflikt, werden dem Zuschauer nicht näher erläutert. In der Handlung wird nur die Erwachsenenperspektive des Konflikts thematisiert. In den zwei entscheidenden Szenen verhält sie sich Senada gegenüber ablehnend und fremd. Doch ihr ist nicht bewusst, dass sie vor ihrer leiblichen Mutter steht und somit kann sie auch innerhalb des Konfliktes keine Stellung einnehmen. Ihre Wahrnehmung ist von der Haltung ihrer Eltern bzw. Mutter abhängig. Dass sie ins Bett macht, zeigt den Grad ihrer Verunsicherung und ihres psychischen Stresses. Unklar bleibt, ob sie damit unbewusst auf die Spannungen in ihrer Adoptions-Familie oder auf das Auftauchen von Senada reagiert.