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Thema: Das Motiv der „zwei Mütter“ in der Literatur

 

In einem Interview zieht Christian Wagner, Regisseur des Films „Stille Sehnsucht – War­child“, eine Parallele zu dem Autor Bert Brecht, der in unterschiedlicher Weise das Thema „Mutterliebe“ verarbeitet hat: „Senada ist durchaus eine Frau, die sich trotz Niederlagen in ihrer Umgebung durch ihre Vitalität und zupackende Art behauptet. Im Theaterstück, das im Dreißigjährigen Krieg spielt, zieht Mutter Courage durch die Kriegsgebiete, um Geschäfte zu machen und sich und ihren drei Kindern ein Auskommen zu sichern. Durch den Krieg, an dem sie verdient, verliert sie alle ihre Kinder. Senada aber hat den Verlust ihres „gestohlenen Kindes“ selbst nicht verschuldet, eher der Ehemann Samir, der Aida weggeben hat, allerdings aus besten Beweggründen heraus. All dies behielt er bei sich als Familien-Geheimnis, um seine Ehefrau Senada zu „schonen“.

Eine andere Parallele kann in der Brecht´schen Parabel „Der kaukasische Kreidekreis“ gesehen werden. Hier geht es um das Motiv des Kindes, das zwischen zwei Müttern steht. Brecht setzte sich dabei mit der biblischen Erzählung um das „Urteil König Salomos“ auseinander. Hier die beiden literarischen Vorlagen, die mit der Umsetzung des Motivs in der Filmgeschichte verglichen werden können.

 

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis (1954) – Kurzinhalt:

Erzählt wird die „Aktualisierung“ einer chinesischen Sage, die der Bibelkundige ähnlich als eines der Urteile des Königs Salomon kennt: Der Streit zweier Frauen darum, wer die rechtmäßige Mutter eines Kindes ist. Im dargestellten Spiel geht es um die Magd Grusche, die nach einem Aufstand im Georgien (im Stück: „Grusinien“) des 19. Jahrhunderts sich des verlassenen Kinds der vertriebenen Gouverneurin annimmt und mit diesem durch allerhand Gefahren flieht. Deshalb sieht sie sich bald als die rechtmäßige Mutter des Kindes. Trotzdem fordert die Gouverneurin das Kind, um das sie sich kaum gekümmert hat, zurück. Die Entscheidung des Streitfalls obliegt dem in den Wirren des Ausnahmezustands als Richter eingesetzten Dorfschreiber Azdak, der sich mit seiner eigensinnigen Rechtspraxis (er nutzt das Gesetzbuch nur als Sitzgelegenheit) für die Unterdrückten wie für sein eigenes Wohl stark macht. Nur durch die Ausnahmesituation des noch nicht völlig wiederhergestellten alten Herrschaftszustandes kann Azdak hier in seinem letzten Fall Grusche das Kind zusprechen (danach wird er wie sie selbst fliehen müssen). Er setzt dafür eine Probe der beiden „Mütter“ an: Das Kind wird in einen Kreidekreis gestellt und beide Frauen müssen jeweils versuchen, es auf ihre Seite zu reißen. Grusche läßt sofort los, um das Kind nicht zu verletzen und gibt sich so als die wahrhaft Mütterliche zu erkennen.
Quelle: /www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/dramatik/brkreidekreis.htm (Stand 30.9.06)

 

Das salomonische Urteil (1 Kön 3,16-28):

Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: „Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus, und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte.“ Da rief die andere Frau: „Nein, mein Kind lebt, und dein Kind ist tot.“ Doch die erste entgegnete: „Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.“ So stritten sie vor dem König. Da begann der König: „Diese sagt: Mein Kind lebt, und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot, und mein Kind lebt.“ Und der König fuhr fort: „Holt mir ein Schwert!“ Man brachte es vor den König. Nun entschied er: „Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen!“ Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: „Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind, und tötet es nicht!“ Doch die andere rief: „Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es!“ Da befahl der König: „Gebt jener das lebende Kind, und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter.“ Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach (1 Kön 3,16-28).
Quelle: www.lbib.de/query.php?id=500 (Stand 30.9.06)

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