
Sie finden hier zwei unterschiedliche Zeugnisse von Frauen, die den Bosnienkrieg überlebt haben. Das erste ist ein literarisches Zeugnis, der Auszug einer Geschichte, die von einer der bekanntesten Vertreterin der bosnischen Frauenprosa stammt. Der zweite Text schildert ein konkretes Erlebnis.
Folgende Fragen könnten eine Diskussion über beide Zeugnisse anregen:
Welche Situationen schildern die Frauen? Erzählen sie von ihren Gefühlen? Sind dies typische Situationen für die Erfahrungen oder Lebensweisen der Frauen? Um welche unterschiedlichen Auswirkungen des Krieges geht es in beiden Texten? Auf welche sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Geschlechterrollen verweisen die Erfahrungen der Frauen?
Beide Texte stellen keinen vollständigen Abdruck der Erzählungen und Berichte dar, sondern sind nur Auszüge. Versuchen Sie, die „Lücken“ bei den Auslassungspunkten (…) zu füllen. Was könnte in der Zwischenzeit geschehen sein? Welche Gefühle oder Gedanken könnten die Personen bewegen? Versuchen Sie, diese selbst niederzuschreiben oder zu zeichnen.
„Aus dem früheren Krieg“ von Jasmina Musabegovic
„Endlich Frieden. Der große gesegnete Frieden, hier in diesem Haus, in diesem Raum mit all seinen Dingen. In diesem Raum sah sie einen Bauern auf seinem Pferd. Fast schien es, als würde er durch das offene Fenster hereinkommen. Bequem ließ er seine Beine baumeln. „He, was hast du anzubieten?“ Die Kinder versammelten sich am Fenster – wie einst, als sie die durchfahrenden Züge bestaunten. Die Küche lag zur Straßenseite, das Schlafzimmer zum Bahnhof hin. „Butter habe ich.“ „Komm rein, ich kauf sie dir ab.“ Aus dem Backofen stieg der Duft von frischem Fladenbrot. (…) Was kannst du mir für die Butter geben?“ wollte er wissen. „Nur die Ohrringe, die du hier an meinen Ohren siehst.“ Wie zwei kleine Tropfen Tau glitzerten zwei kleine Edelsteine an ihren Ohren. Alle Kinder schauten zu den Ohren hinauf. Seit langem hatten sie die Ohren nicht gesehen. Sie hatte die ganze Zeit ein Kopftuch getragen. (…) Der Bauer ging weg. Geblieben waren die offenen Fenster und der Sonnenschein. Auf dem Tisch dampfte das Fladenbrot, und daneben stand die Schüssel mit frischer Butter. „Kinder, esst, soviel ihr wollt!“ Sie aßen gierig und kauten schnell das noch warme, fettige Brot. Sie stand neben ihnen und betrachtete sie. Sie riefen sie zu sich. Aber sie kam nicht an den Tisch. (…) Auf dem leeren Tisch lagen nur mehr die Brotkrümel. Das Zimmer war noch hell vom Sonnenschein. Sie lachten, kreischten und lärmten. So war der Krieg zu Ende, und der Frieden begann.“
Quelle: Tomaševic, Dragana, Das Leben ist stärker. Ein bosnisches Lesebuch, geschrieben von Frauen im Krieg, Linz 1996, S.29f..
Auszug aus einer schriftlichen Aussage der 38jährigen Sabina aus Jelec bei Foca, die nach einer Gruppenvergewaltigung schwanger geworden war:
„Ich weiß, dass ich keinen Tschetnik zur Welt bringen werde, entweder werde ich abtreiben oder mich umbringen. Ich war im Obstgarten, als ich Radenko L., einen guten serbischen Freund aus Miljevina, Miroslav A. und einen, dessen Namen ich nicht kenne, kommen sah. Noch von weitem rief Radenko laut: ‚Hallo Sabina!’, man hörte es im ganzen Dorf. Deshalb hatte ich keine Angst, mir schien, dass er sich freuen würde, mich zu sehen. (…) Er fragte, ob mein Mann Waffen hätte, und ich verneinte. (…) Sie forderten mich auf, mit ihnen auf die Suche nach meinem Mann zu gehen. Unterwegs trafen wir meine Tochter und kehrten zusammen nach Hause zurück. Im Ort hatten sich inzwischen zehn bis fünfzehn Tschetniks versammelt. (…) Einer nahm meine Hände und fing an, mich hin und her zu stoßen, wie einen Fußball. Sie fragten immer wieder nach meinem Mann und wo wir Waffen verstecken würden. Dann schleppten mich drei, die ich nicht kannte, in den Wald Osaja. Dort schlugen sie mich und befahlen mir, mich auszuziehen. Ich weigerte mich, und sie schlugen mich wieder. Sie wiederholten ihre Befehle, aber ich wollte nicht, sie prügelten auf mich ein und warfen mich schließlich zu Boden. Einer vergewaltigte mich, während die beiden anderen Wache hielten. (…) Dann habe ich mit meinen Kindern das Dorf verlassen. (…) In Tarcin ging ich zum Gynäkologen, und er stellte fest, dass ich schwanger war. Er schickte mich nach Konjic, wo ich um eine Abtreibung bat.“
Quelle: Stiglmayer, Alexandra (Hrsg.), Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen,
Freiburg i. Br. 1993., S. 175f.