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Bundesverband Jugend und Film e.V.   –   Durchblick 6+   –   Thema Märchen

1.3 Märchenverfilmungen

Audiovisuelle Bearbeitungen von Märchen haben eine Lange Tradition, die besonders durch Kinderfilme aus Russland, der ehemaligen Tschechoslowakei und der DDR geprägt wurden. Sie stellen eine Fortführung des Märchentheaters und Märchenballetts dar, die ebenfalls Bilder, Sprache, Musik und Geräusche als Ausdrucksmittel benutzen. Viele Märchenfilme sind künstlerisch wie inhaltlich von hoher Qualität, dramaturgisch einfallsreich und humorvoll. Beim Märchenfilm müssen sich Drehbuchautoren, Dramaturgen und Regisseure mit den Charakteren und ihren Persönlichkeiten auseinandersetzen. Die oft sehr kurzen Vorlagen zeichnen ihre Figuren dagegen eher plakativer. Nicht nur das Aussehen, auch der Charakter muss nachvollziehbar und glaubwürdig sein. Trotz der Aufteilung in gute und böse, in gierige und großzügige, mitleidslose und mitfühlende Charaktere wirken sie in der Fantasie des Zuschauers oder Lesers immer menschlich real. Diese Vorstellungswelt muss der Gestalter eines langen Spielfilms immer mit berücksichtigen. Film ist eines der wirkungsvollsten und ausdrucksstärksten Mittel, um Gedanken, Gefühle und Fantasien in verständliche Bilder umzusetzen. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Märchen zwingt deshalb die Filmemacher/innen, sich mit der Aussage der Geschichte, mit dem Einsatz dramaturgischer und ästhetischer Mittel und der Wirkung der Filmgestaltung intensiv zu beschäftigen. Dabei ist es unwesentlich, ob ein Zeichentrickfilm oder ein Spielfilm realisiert werden soll. Die Fantasie der Regisseurin oder des Regisseurs spielt für die Qualität die wichtigere Rolle: welche Aspekte der Geschichte betont, welcher Schwerpunkt bei der Handlung gesetzt, welche Anschauungen verbreitet und wohin die Zuschauer geführt werden, wird immer das Ergebnis einer persönlichen Interpretation des Märchens sein.

Die Vielzahl der Volksmärchen, Kunstmärchen und märchenhaften Geschichten hat so zahlreiche Verfilmungen hervorgebracht, die sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden. So sind die einen werkgetreu, die anderen künstlerisch verfremdet. Einige Märchenfilme sind eher psychologisch durchleuchtend, historisch analysierend, moralisierend, ironisierend oder aufmüpfig modern. Entstanden sind Zeichentrickfilme und Realfilme. Einige wurden mit historischen Bezügen angereichert und andere in die Gegenwart übertragen. Viele Filme wandeln den Inhalt der Märchen ab, indem sie ihn modernisieren, aktualisieren, der aktuellen Sprache und dem heutigen Denken anpassen. Parodien, Fortsetzungen der Handlung oder Veränderungen des Schlusses sind andere Formen, mit denen sich die Filmemacher bemühen, die Fantasie der Zuschauer anzuregen. Unter den ernstzunehmenden Märchenverfilmungen gibt es aber auch solche, die sich um eine stoffgerechte Adaption der Handlung bemühen und ihre interpretierende Bearbeitung auf andere Bereich verlagern, wie z. B. in die Ausstattung des gesellschaftlichen Umfelds, die Bearbeitung mythischer Aspekte oder in die psychologische Entwicklung der Figuren. Doch alle erzählen sie die zeitlosen Geschichten der Brüder Grimm, von Bechstein, Hauff, Andersen, aus Tausendundeiner Nacht und aus vielen anderen Quellen immer wieder neu.

Märchenfilme im Laufe der Zeit

Bereits 1917 brachte Paul Leni eine aufwendige Dornröschen-Verfilmung ins Kino. Zu dieser Zeit waren Märchen keineswegs für Kinder gedacht, sondern allgemeines literarisches Kulturgut. Schon mit dem Beginn des Kinofilms wurden Märchen für die Leinwand adaptiert, weil sie bekannt und beliebt waren und ohne Bedenken der ganzen Familie vorgeführt werden konnten. In den 1930er Jahren begannen die Walt Disney Productions in den USA mit abendfüllenden Märchenfilmen. Sie produzierten Zeichentrickfilme, bei denen der Schwerpunkt auf einer guten künstlerischen Gestaltung lag. So entstanden filmische Meisterwerke der Zeichentrickkunst. Disneys Hauptanliegen war dabei, gut gemachte Unterhaltung mit gesellschaftlicher Moral zu kombinieren. Der erste abendfüllende Film war „Schneewittchen" (1937). Dass es einem Zeichentrickfilm gelingen konnte, die Zuschauer zu begeistern, hatte niemand erwartet. Auch heute sind zahlreiche Disney-Klassiker noch sehr beliebt.

Im geteilten Deutschland entwickelte sich der Märchenfilm von den fünfziger Jahren an sehr unterschiedlich. In der Bundesrepublik Deutschland wurde er zum „Kinderfilm an sich“. Er schien am ehesten geeignet, Kindern ein einfaches Modell positiver Werte zu vermitteln. Interpretationen der Geschichten und Märchenanalysen fanden kaum statt. Die Handlung wurde in einfachen Bildern dargestellt, Kommentare und Dialoge sind einfach gehalten.

In der DDR entwickelte sich der Märchenfilm als komplexere Parabel zur sozialistischen Wertevermittlung. Entsprechend wurde den Märchen große inhaltliche Aufmerksamkeit zu Teil. Auch hier war das Zielpublikum in erster Linie Kinder. Das Hauptaugenmerk richtete sich aber auf die Inhalte der Märchen und ihr Adaptionspotential. Die Stoffe wurden verändert und den moralischen und sozialen Botschaften angepasst, die dem Weltbild der sozialistischen Gesellschaft entsprachen. Statt inhaltsgetreuer Adaptionen entstanden Filme, die die Botschaft enthielten, der Mensch sei veränderbar und lernfähig. Die klare Trennung in „Gut“ und „Böse“ wurde verändert und durch die Gegenüberstellung von „Klug“ und „Dumm“ ersetzt.

Einer der ersten Märchenfilme der DDR, „Die Geschichte vom kleinen Muck“ von Wolfgang Staudte (1953), gehört mit seiner inhaltlichen Tiefe und fantasievollen Gestaltung zu den Klassikern der deutschen Filmgeschichte. In den Folgejahren bis zum Ende der DDR-Zeit entstanden viele – auch heute noch sehenswerte – Märchenfilme, die häufig Geschichten von „einfachen“ Menschen erzählen, die mit Pfiffigkeit, Mut und List zum Erfolg gelangen und Könige, Prinzessinnen oder Edelleute lächerlich wirken lassen (wie beispielsweise „Wie verheiratet man einen König“ von Rainer Simon, 1969) oder solche von gütigen, väterlichen Königen, die durch Machenschaften ihrer Minister selbst ins Unglück gestürzt wurden und einen „Helden aus dem Volk“ brauchen, der ihnen die Augen öffnet. Die Bedeutung, die dem Film als Medium zur Vermittlung gesellschaftlicher Anschauungen beigemessen wurde, spiegelt sich in der filmischen Qualität und der Umsetzung wider. Auf die dramaturgische Gestaltung, die Ausstattung, die Schauspielführung, Dialoge und Musik wurde sehr viel Wert gelegt, um die Botschaft kindgerecht zu transportieren. Das Ernstnehmen des Genres und das Ernstnehmen der Zuschauer ließ hochwertige Filme entstehen.

In den folgenden Jahrzehnten verschwand der Märchenfilm in der westlichen Welt (mit Ausnahme der USA). In der pädagogischen Fachwelt Westeuropas wurde dem Märchenfilm zu Unrecht unterstellt, er verderbe die Fantasie und sei niveaulos. Die schlechten Verfilmungen der Bundesrepublik Deutschland aus den fünfziger Jahren dienten dabei stellvertretend für alle Märchenfilme als Argumentation für die Missachtung des gesamten Genres.

Das gesellschaftliche Bewusstsein für Märchen und damit auch für Märchenfilme hat sich in den letzten dreißig Jahren jedoch stark gewandelt. Es entstanden und entstehen neue, moderne Adaptionen unterschiedlichster Umsetzungen, die Märchenstoffe aus einem bestimmten Blickwinkel vertiefen und Wert auf inhaltliche, dramaturgische, gestalterische und technische Qualität legen.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde Mitte der achtziger Jahre der Märchenfilm zunächst im Fernsehen wieder belebt. „Die Welt des Märchens“ wurde ein neuer Schwerpunkt im Kinderprogramm des ZDF. Die Koproduktionen (u. a. Frau Holle, 1984 und Aschenputtel, 1989) wurden aufwändig entwickelt und veränderten die Bedeutung moderner Märchenfilme nachhaltig. Neue Experimente mit Märchen erreichten zwar nur teilweise das Publikum, führten aber zu einer Veränderung des Images diese Filmgenres.

Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten trafen beide Traditionen der Märchenverfilmung aufeinander. Märchenfiguren und fantastische Aspekte der Geschichten wurden wiederentdeckt oder modern verfremdet. Im Kino waren die Versuche, Märchenfilme nach modernen Kriterien herzustellen, nicht erfolgreich. Filme wie „Des Kaisers neue Kleider“ mit Harald Juhnke (1993) und „Hans im Glück“ von Rolf Losansky (1999) fanden kein großes Publikum. Trotzdem trugen sie – wie alle anderen Märchenfilme – zur Wiederbelebung des Genres bei. Mittlerweile gehören Märchenfilme wieder zum grundsätzlichen Filmangebot in Kino und Fernsehen.

Märchenfilme aus pädagogischer Sicht

Lange Zeit hielt sich das Vorurteil, Märchenverfilmungen zerstörten die Fantasie der Kinder, da sie eindeutige Bilder der Handlung liefern und somit die Entstehung eigener Bilder im Kopf verhindern würden. Bei dieser Sichtweise wird allerdings das Medium Film als eigenständige Kunstgattung ausgeblendet. Die dramaturgische Stärke des Mediums, die Fähigkeit zur Interpretation und damit zur Erweiterung des Wahrnehmungsspektrums wird dabei außen vor gelassen. Vorgelesene oder erzählte Märchen haben selbstverständlich einen anderen Stellenwert bei Kindern als Märchenfilme. Filme sollen die Märchengeschichten nicht ersetzen, sondern auf eine neue Weise erzählen. Dabei können sie wieder andere, neue Gedanken und Fantasien freisetzen. Die Frage, ob Märchenfilme noch nötig sind, wird von den Kindern selbst beantwortet. Sie sind bei Kindern, unabhängig von der vorherrschenden Meinung der Fachleute, seit jeher sehr beliebt. So wollen Kinder gern Geschichten, die sie bereits gehört oder gelesen haben, gern auch in einem anderen Medium kennen lernen.

 

Quellen:
Rotraut Greune: Zeitlose Verzauberung, in Magie der Märchenfilme, Sonderdruck der Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz, München, 2009
Brigitte vom Wege / Mechthild Wessel: Das Märchen-Aktionsbuch, Herder-Verlag, Freiburg, 2008

 

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