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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 6+  –  Tischlein deck dich  –  Ulrich König  –  D 2008  –  57 min.

2.7 Vergleich Originaltext und Verfilmung

Als Literaturverfilmung bezeichnet man einen auf einem literarischen Werk basierenden Film. Die Grundlage für eine filmische Adaption bietet meist ein Roman. Es gibt aber auch Verfilmungen aus Erzählungen, Kurzgeschichten, Comics oder wie in diesem Fall aus einem Märchen. Das Drehbuch weicht in der Regel von der Literaturvorlage ab. Da eine Geschichte im Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als beispielsweise in einem Roman, kommt es häufig vor, dass Handlungsstränge fehlen oder vereinfacht dargestellt werden. Auch kommt es vor, dass manche Dialoge und Personen gar nicht erscheinen oder nur bestimmte Textteile der Vorlage umgesetzt werden, entweder weil sich andere Textteile besser filmisch umsetzen lassen oder aus dramaturgischen Gründen. Denn ein Film funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Buch. Zudem hat jeder Regisseur seine eigenen künstlerischen Ansprüche und individuellen Ideen und Interpretationsansätze. Märchenverfilmungen sind dahingehend etwas Besonderes. Im Gegensatz zum Roman, ist die Literaturvorlage sehr kurz und knapp. Die Figuren werden nur oberflächlich beschrieben, Ort und Zeit sind nicht festgelegt. Märchen vermitteln ihre Botschaften sehr direkt. Dazwischen gibt es sehr viel Raum für Phantasie und Interpretation. Über Motive und Gefühle der Märchenfiguren, warum sie so und nicht anders handeln, erfährt man in den Überlieferungen oft wenig. So ergeben sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, was sich in der Vielfältigkeit an Märchenverfilmungen deutlich widerspiegelt. Während bei Romanverfilmungen Handlungsstränge verkürzt werden, werden bei Märchenfilmen Handlungsstränge ausgedehnt oder oft neue dazu erfunden. Neue Figuren und Dialoge werden eingeführt und die Sprache im Märchenfilm wird oft modernisiert.

 

Tischlein deck dich

Die Neuverfilmung des Märchenklassikers orientiert sich nur in den Grundzügen an der literarischen Vorlage.

Der Stoff selbst besteht aus Aneinanderreihungen von Ereignissen und Wiederholung immer der gleichen Vorgänge. Es wird immer wieder beschrieben, wie die Söhne die Ziege füttern, diese dann den Vater belügt und der Vater seine Söhne aus dem Haus jagt. Weiterhin werden die Stationen der drei Brüder im Einzelnen nacheinander erzählt. Im Film wurde diese Erzählweise zu Gunsten der Dramaturgie verändert. Die einzelnen Handlungsstränge werden in einer Parallelmontage erzählt und viel früher als im Märchen zusammengeführt. So treffen die drei Brüder nach Abschluss ihrer Lehrzeit im Wald aufeinander und präsentieren sich ihre Geschenke. Als Emil und Jockel der Betrug auffällt, versuchen sie erfolglos, sich ihre Wundergaben selbst zurückzuholen. Am Ende ist es Max, dem das gelingt. Geschlossen kehren sie mit ihren richtigen Geschenken zum Vater zurück. In der literarischen Vorlage kehren die Brüder dagegen nacheinander zurück und schreiben dem Jüngsten einen Brief, in dem sie ihm von den bösen Wirtsleuten berichten. In der Schilderung, wie Max die Gegenstände zurückgewinnt, hält sich der Film dann an die Vorlage.

Im Märchen gibt es drei gleichberechtigte „Helden“. Im Gegensatz dazu wurde in der Verfilmung aber auf eine ausführliche Schilderung der Erlebnisse aller drei Brüder zugunsten eines einzelnen Hauptcharakters verzichtet. So gehen beispielsweise zu Beginn des Films die beiden älteren Brüder zur gleichen Zeit auf Wanderschaft, weil die Zeit für sie gekommen ist. Die Erlebnisse mit der Ziege hat nur der jüngste Sohn. Mit Max im Mittelpunkt wird die Geschichte durchgängig erzählt und der Zuschauer somit auf die Seite einer zentralen Figur gezogen, mit der er sich identifizieren, mitfiebern, mitleiden und mitfreuen kann.

Nicht nur auf dramaturgischer, sondern auch auf inhaltlicher Ebene wurde einiges durch die Filmemacher verändert. Im Gegensatz zum Märchen besitzen die Hauptcharaktere alle Namen.

Vater: Götz Klopstock
Brüder: Emil, Jockel und Max
Tochter der Bäuerin: Lotte

Der Vater ist kein Schneider sondern ein armer Witwer, dessen Beruf nicht näher erwähnt wird. Max dagegen, der im Originalmärchen das Drechslerhandwerk erlernt, wird im Film ein Schneider, der bei einem bettelarmen Schneiderehepaar in die Lehre geht. Während auf der einen Seite die Geschichten der zwei älteren Brüder gekürzt werden, werden auf der anderen Seite neue Figuren und Handlungsstränge dazu erfunden. So wird der Weg von Max sehr ausführlich beschrieben und seine Figur somit noch näher charakterisiert und dem Zuschauer näher gebracht.

Im Wald rettet er z. B. einen kleinen Hund, der von dem Moment an sein treuer Freund und Gefährte wird. Er wird von drei Räubern überfallen, die ihm auch noch sein letztes Hab und Gut nehmen.

Auch der Schneidermeister hält zu Beginn nicht viel von ihm und nimmt ihn nur widerwillig auf. Während seiner Lehrzeit erfindet er allerdings eine neuartige Latzhose und verhilft damit seinem Meister und seiner Frau zu ungeahntem Wohlstand.

Weitere neue Figuren und Geschichten sind im Heimatdorf der drei Brüder zu finden, welche in der literarischen Vorlage keinerlei Rolle spielen. Hier entwickelt sich im Film parallel zu den Ereignissen in der Ferne ein wahres Drama, welches die Spannung des Films auf das Ende hin noch verstärkt.

Eine Figur, die im Märchen nicht vorkommt, ist Lotte. Sie ist die Tochter einer armen Bauersfrau. Sie ist jung und hübsch und hat Max den Kopf verdreht. Auch sie ist in Max verliebt und wartet sehnsüchtig auf dessen Rückkehr. Doch Lotte soll, um finanziell abgesichert zu sein, mit dem Sohn eines wohlhabenden Bauern verheiratet werden. Das passt ihr gar nicht. Doch da Max nicht da ist und ihre Mutter zudem nichts von Max hält, rückt der Hochzeitstag immer näher, ohne dass Lotte etwas dagegen machen kann. Kurz vor ihrem Hochzeitstag ist Lotte so verzweifelt, dass sie heimlich flieht und sich im Schuppen von Max' Vater versteckt.

Ein weiterer inhaltlicher Unterschied ist in der Geschichte der Ziege zu finden. Der Vater erfährt die Wahrheit im Film zufällig bei einem Gespräch mit Lotte. Im Märchentext belügt ihn die Ziege jedoch selbst. An dieser Stelle ist der Film weitaus harmloser als das Original. Der Vater verjagt die Ziege nur vom Hof, während die Ziege im Märchen hart bestraft wird. Auch das Ende ist sehr viel versöhnlicher. Als Max glücklich und erfolgreich mit den Geschenken seiner Brüder zurückkehrt, begegnet er der Ziege erneut. Die Ziege zeigt Einsicht und entschuldigt sich bei Max. Er verzeiht ihr und beide schließen Frieden. Über den weiteren Verbleib der Ziege wird im Film nicht näher eingegangen

Auch die Figur des Vaters wird im Film völlig anders dargestellt. Während der Schneider im Märchen sehr hart zu seinen Söhnen ist und sie verjagt, weil er der Ziege glaubt, gehen im Film alle drei Brüder freiwillig. Der Vater wird als liebenswerter und fürsorglicher Vater dargestellt, der eben nur seinem jüngsten Sohn nichts zutraut. Aber er verjagt ihn nicht. Als die Brüder im Märchentext zurückkommen, werden weniger die Gefühle des Vaters sondern vielmehr die Dinge in den Mittelpunkt gestellt, die die Söhne von der Wanderschaft mitbringen. Im Film dagegen bereut der Vater zutiefst, dass er seinem Sohn nicht geglaubt hat und die Wiedersehensfreude ist umso größer, als die drei zurückkommen. Der Vater zeigt Einsicht und entschuldigt sich bei Max. Die drei Wundergaben spielen nach der Heimkehr der Söhne keine Rolle mehr und werden auch nicht weiter erwähnt. Vielmehr rückt die Liebesgeschichte zwischen Max und Lotte ins Zentrum des Geschehens. Max Vater hat Lotte bei sich im Stall versteckt, wo sie Max schließlich auch findet. Beide fallen sich in die Arme und sind überglücklich. Mit Hilfe der Goldmünzen, die Emil von dem Esel bekommen hat, können sie die Schulden beim Bauern bezahlen, sodass einer Hochzeit zwischen Max und Lotte nichts mehr im Wege steht. In einem rauschenden Fest findet die Geschichte ihr Ende, in der sich zum Schluss auch noch Vater Klopstock und Lottes Mutter ineinander verlieben.

Was die 'Moral' des Märchens betrifft, steht Max für die Menschen, die über sich hinauswachsen können, obwohl ihnen die Mitmenschen außer Einfalt und Trotteligkeit nicht sehr viel zutrauen. Wichtig bei der Neuverfilmung war den Machern, die Handlungsmotive der Figuren herauszuarbeiten, die in der Originalerzählung oft zu kurz kommen. In seiner Grundstimmung ist der Film viel fröhlicher, optimistischer und vor allem aber romantischer als seine literarische Vorlage.

Trotz zahlreicher Veränderungen wurde an ganz zentralen Merkmalen des Märchens festgehalten.

Einstiegs- und Ausstiegsformeln:

Der Film beginnt durch eine Art Märchenerzähler aus dem Off mit den Worten „Es war einmal ein Witwer…“. Dies ist zwar nicht der originale Märchenanfang aber ein klassischer formelhafter Beginn. Auch das Ende des Films schließt mit den Worten „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“ ab. An dieser Stelle bekommt die Erzählerstimme aus dem Off ein Gesicht. Ein blinder Mann, der bereits ganz am Anfang kurz zu sehen war, übernimmt die Rolle des Erzählers und beendet das Märchen.

Reime und Verse:

Die Verse, die die Ziege immer wiederholt und die jeder kennt, werden im Film originalgetreu übernommen.

„Ich bin so satt,
ich mag kein Blatt: meh meh!“

„Wovon sollt' ich satt sein?
Ich sprang nur über Gräbelein
und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!“

Die Dreizahl:

Wie im Original gibt es drei Brüder, die auf Wanderschaft gehen, um ein Handwerk zu erlernen. Am Ende Ihrer Lehrzeit erhalten sie die Zaubergaben: „Tischlein deck dich“, „Goldesel“, „Knüppel aus dem Sack“

Der Held ist ein Verlierertyp:

Max ist der jüngste Bruder. Ihn nimmt keiner ernst und ihm wird nichts zugetraut.

Ablauf der Märchenhandlung/ Die Reise des Helden:

Der Märchenheld wird von seiner Familie zum Außenseiter gemacht. Max wird weder von seinem Vater noch von seinen Brüdern ernst genommen. Zudem glaubt der Vater seiner Ziege mehr als seinem Sohn. Das veranlasst Max, sein Zuhause heimlich zu verlassen. Er begibt sich auf eine lange Reise, begegnet Gefahren, erlebt Abenteuer, bewältigt schwierige Aufgaben und kehrt am Ende als „reicher“ Mann zurück. Max hat sich vom kleinen Jungen in einen erwachsenen Mann verwandelt, der erfolgreich ein Handwerk erlernt, vieles geleistet hat und am Ende seine „Liebste“ heiratet.

Böse Gegenspieler im Film:

Die Wirtsleute sind hinterlistig und gierig und bestehlen die Brüder. Als Emil und Jockel ihre Geschenke zurückfordern, werden sie mit einer Pistole bedroht. Die Wirtsleute werden damit zu den bösen Gegenspielern, die dem Glück der Brüder im Wege stehen.

Wiederholungen:

Obwohl der Film gerade durch die Konzentration auf eine Figur versucht, Wiederholungen der Handlungsabläufe zu vermeiden, sind trotzdem Elemente der Wiederholung zu finden. Die Geschichten der zwei älteren Brüder werden zwar auf ein Minimum reduziert, die Kernaussagen jedoch wiederholen sich immer wieder. Alle drei Brüder lernen ein Handwerk. Dabei machen sie nicht immer gleich alles richtig und müssen viel üben. Alle drei schließen ihre Lehre erfolgreich ab und erhalten ein magisches Geschenk. Emil und Jockel werden auf dieselbe Weise von den Wirtsleuten betrogen und auch bei Max versuchen sie es noch einmal.

Einsatz von Magie:

Alle Geschenke der Lehrmeister haben magische Fähigkeiten.

Raum und Zeit:

Er werden auch im Film keine genauen Orts- und Zeitangaben gemacht. Der Zuschauer erkennt zwar ein Dorf. Es hat aber keinen Namen und keine besonderen Merkmale und der Zuschauer kann es nicht lokalisieren bzw. einer bestimmten Zeit zuordnen.

 

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