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Durchblick 14+ – Tommys Inferno – Ove Raymond Gyldenås – N 2005 – 91 min

Themen im Unterricht

Die Kapitel Inhaltsanalyse und Filmanalyse stellen die Themen des Films sowie die filmischen Gestaltungsmittel und Wirkungen vor. Sie geben einen Einblick in die Entwicklungen und Motive der Figuren und veranschaulichen, mit welchen visuellen Konzepten die Themen des Films auch bildlich umgesetzt wurden. Beide Kapitel werden im Anschluss durch Erläuterungen zur methodischen Umsetzung im Unterricht ergänzt. Diese stellen die Arbeitsblätter und ihre Zielsetzungen vor und geben Tipps für Anbindungen an spezifische Unterrichtsfächer.

Inhaltsanalyse: Die Themen des Films im Detail

„Tommys Inferno“ ist ein klassischer Coming-of-Age-Film, der von dem allmählichen Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenleben erzählt. Zählt die Entwicklung einer eigenen Identität und Persönlichkeit zu den wichtigen Aufgaben dieser Lebensphase, so wird gerade diese in Tommys Leben auf einmal radikal in Frage gestellt. Identität und Erwachsenwerden werden zu den Leitthemen des Films, die sich nicht nur auf die Hauptfigur Tommy beziehen, sondern in unterschiedlichen Aspekten auch durch die Vielzahl an Nebenfiguren abgedeckt werden. Dadurch gelingt es dem Film, nicht nur eine einzige Perspektive zu zeigen, sondern vielmehr eine Bandbreite teilweise auch widersprüchlicher Sichtweisen, und so ein komplexes Bild zu zeichnen.

So will ich leben: Prinzipien und Regeln

Für Tommy besteht daran gar kein Zweifel: Mit dem ersten Sex will er bis nach der Hochzeit warten. Dabei ist dies keine Anordnung seiner Eltern oder seiner Kultur. Im Gegenteil: Mit dieser Einstellung nimmt Tommy eher eine Außenseiterrolle ein. Auch gesellschaftlich ist es nicht mehr verpönt, diesen ehemals so bieder bezeichneten „vorehelichen Geschlechtsverkehr“ zu haben. Tommy hat sich aus freiem Willen für diese Lebensweise entschieden. Beeinflusst wurde er dabei von seinem Vater – beziehungsweise von dem Mann, den er für seinen Vater hält. Alles, was er von ihm hat, ist ein altes Foto. Kennen gelernt hat er ihn nie. Aber anscheinend war er ein Geistlicher und somit sehr religiös. Im Laufe der Jahre hat sich Tommy selbst in seiner Fantasie ein Bild jenes Mannes erschaffen. Er ist für ihn zu einem imaginären Vorbild geworden, dem er folgen kann – und dem er auch folgen will. Seinetwegen wurde Tommy Messdiener. Und weil er so gläubig ist, kann er auch mit dem Sex warten. Zum Problem wird sein Prinzip, als seine Freundin Maria, mit der er schon seit drei Jahren zusammen ist, ihn immer häufiger zu drängen beginnt. Die leidenschaftlichen Küsse reichen ihr nicht mehr. Sie ist neugierig, und sie will mehr. Mit ihren Forderungen bringt sie ihren Freund in ein großes Dilemma. Er will sie nicht kränken, aber er will mit seiner Entscheidung auch akzeptiert werden und fordert sein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ein. Als Maria sich auf Probe von ihm trennt, flüchtet Tommy in die Kirche und in ein Zwiegespräch mit seinem Vater.

Ahmed versteht Tommys strikte Prinzipien auch nicht. Er sieht das eher sachlich: Tommy soll endlich mit Maria schlafen und ihre Beziehungskrise wäre überwunden. Dabei hat Ahmed ein ganz eigenes Verhältnis zu Vorschriften und Regeln. Eigentlich verbietet es ihm seine Religion, während des Ramadans nach Tagesanbruch etwas zu essen. Und doch ist Ahmed so faul, dass er es nicht rechtzeitig aus dem Bett schafft. Wären die Mitarbeiterinnen in der Schulkantine nicht so streng, würde Ahmed sich ohne zu zögern über diese Einschränkungen hinwegsetzen. Insgesamt ist er der typische Rebell, ein Revolutionär und Gesetzesbrecher. Auf seinen T-Shirts prangt das Konterfei von Che Guevara oder der mahnende Schriftzug „Polizei“. Und er raucht, heimlich, in seinem Zimmer – so wie alle großen Dichter es tun müssen. Nur dass Ahmed keine Poesie schreibt, sondern Pornografie, wenngleich er sich dabei um äußerst blumige Formulierungen bemüht. Zugleich aber erfordert seine Rolle als Revoluzzer auch, dass er selbst eigene Regeln formuliert. An der Schule gründet er einen Arbeitskreis der Egozentriker, denen er nur eines beibringen will: Sei nur dir selbst ergeben! Du stehst im Mittelpunkt! Mit seiner Philosophie findet Ahmed begeisterte Anhänger/innen – und seine Methoden und radikalen Leitsätze scheinen tatsächlich etwas zu bewirken. Denn in seinem Kurs dürfen sie plötzlich all jene Regeln und Verhaltensweisen brechen, die ihnen sonst auferlegt werden. Sie fluchen wild und machen ungehemmt ihrem Frust Luft.

Und doch hat die Freiheit, die er sich durch dieses Motto schafft, auch ihre negativen Seiten. Wie eine Mauer trägt Ahmed dieses Prinzip zur Schau. Deutlich wird dies vor allem, als Rubina, eine forsche und religiöse Muslimin, sich über Ahmeds Verhalten auf der Schulparty lächerlich macht und ihn zusammen mit ihren Freundinnen auslacht. Ahmed ist in seinem Selbstbewusstsein gekränkt. In dieser Situation kann er seinen Leitsatz nur noch wie ein schützendes Mantra immer und immer wieder aufsagen. Sein Prinzip der bedingungslosen Selbstliebe scheitert, weil er sich in Rubina verliebt habt. Am Ende wickelt Rubina Ahmed tatsächlich um den Finger. Er lernt durch sie nicht nur, sich wieder anderen Menschen zu öffnen, sondern auch, wieder einen Zugang zu seiner Religion zu bekommen, die er anfangs so sehr abgelehnt hatte.

Auf ihre eigene Weise setzen sich Tommy und Ahmed so mit ihrer Religion auseinander. Einmal gibt der Glaube Halt und Orientierung – ebenso wie das Vorbild des abwesenden Vaters – ein anderes Mal wird sie als unnütze Einschränkung empfunden und abgelehnt. Die selbst gewählten Regeln führen bei beiden Jungen dazu, dass sie sie hinterfragen müssen und neu entscheiden, ob und inwieweit sie diese weiterhin befolgen wollen.

Ablösung und Unabhängigkeit, Selbstliebe und Selbsthass

Der Weg der Jugendlichen in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit kann nur über die Ablösung von den Eltern erfolgen. Unzufriedenheit mit deren Lebensweise und der Rolle als Kind ist dafür meist ein Auslöser. Komödiantisch überhöht zeigt sich sich dies in der Szene, in der Ahmed von zu Hause auszieht, weil er nicht mehr der brave Sohn seiner Eltern sein will. Ernster wird dieses Thema, wenn Ahmeds Egozentrik-Schüler/innen an einem Schießstand auf ihre Feinbilder feuern. Zwar tauchen auch dort stilisierte Feindbilder wie Diktatoren und Politiker auf, andererseits aber auch Familienmitglieder. Das Foto, das ein Mädchen auf der Zielscheibe befestigt hat, zeigt einen Mann, der im Unterhemd auf der Couch sitzt. Vorne im Bild ist deutlich eine Bierflasche zu erkennen – ein Hinweis auf sein Alkoholproblem.

Eng verbunden mit der Ablösung von der Familie und deren Traditionen ist auch die Auseinandersetzung mit Vorbildern. So ist auf einem der Fotos der künstliche Körper von Pamela Anderson zu erkennen: Kein Schönheitsideal, dem dieses Mädchen weiterhin folgen will. Ein anderes wiederum hat sich selbst zum Ziel auserkoren. Symbolisch zerstört sie das Bild, das sie von sich selbst hat. Blitzlichtartig, aber dennoch mit ernstem Unterton stellt der Film in dieser Szene die Jugend als Lebensphase dar, in der auch der eigene Körper und Charakter zur Diskussion steht und in der mit dem Aussehen und mit Verhaltensweisen experimentiert wird. Dazu zählt auch die Entscheidung für bestimmte Vorbilder und Idole – und die Ablehnung von anderen.

Der Weg zu einem neuen Selbstbild verläuft hier über Zerstörung bis hin zu Selbsthass. Welche positiven Folgen diese offenen Aggressionen allerdings für Ahmeds Schüler/innen haben, lässt „Tommys Inferno“ außen vor. Die einzige Ausnahme bilden Ahmed und Mai. Ahmed schießt auf ein Bild von Rubina, weil er nicht weiß, wie er mit seiner Liebe für sie umgehen soll. Mai hingegen würde gerne ihrer Wut über die schroffe Abfuhr von Tommy freien Lauf lassen. Aber sie ist die einzige, die die Waffe senkt. Ihre Liebe für ihn ist zu groß.

Liebe, Sex und Eifersucht

Neben die Auseinandersetzung mit Vorbildern und Vorschriften tritt in der Pubertät das erwachende Interesse an Sexualität und das Erproben von Liebesbeziehungen. „Tommys Inferno“ geht insofern einen anderen Weg, da hier der Junge zurückhaltender ist und damit von den üblichen Rollenklischees abweicht. Maria hingegen ist diejenige, die den Wunsch nach einer sexuelle Beziehung nicht nur äußert, sondern auch aktiv versucht, ihren Freund zu verführen.

Gerade die Figur der Maria spiegelt in Ove Raymond Gyldenås' Film am deutlichsten die Suche nach einer sexuellen Identität. Mit Tommy wird sie nicht glücklich und gibt dafür sogar eine langjährige Partnerschaft auf. Mit dem coolen Sportler Daniel hat sie bessere Chancen, wohl auch, weil dieser im Gegensatz zu Tommy eine Beziehung nicht mit allzu viel Romantik verbindet. So wirkt deren Flirten – und der Sex – eher wie eine Affäre. In Vivian, die nur auf den ersten Blick forsch und erfahren wirkt, findet Maria eine Freundin und Beraterin, mit der sie offen über ihren Kummer reden kann. Andererseits ist Maria für Vivian auch nur ein Experiment; sie will wissen, wie es sich mit einem Mädchen anfühlt und versucht schon früh, Maria zu verführen. Während Vivian nach der Nacht mit Maria allerdings am liebsten vor Scham im Boden versinken möchte, ist Maria von dieser Erfahrung wie verzaubert. Am Ende des Films wechselt sie interessierte Blicke mit einem anderen Mädchen auf dem Schulhof. Jungen werden sie wahrscheinlich in nächster Zeit nicht mehr interessieren. Ohne Klischees und Vorurteile folgt der Film Marias Entdeckungsreise.

Tommy ist zutiefst enttäuscht, als Maria mit ihm Schluss macht. Da er aber an seinen Prinzipien festhält, bleibt ihm nichts übrig, als zuzusehen, wie Maria plötzlich mit Daniel flirtet. Für Tommy wird es die reine Hölle. Als ob es nicht schon gereicht hätte, dass seine Träume von der Hochzeit meist mit einem Albtraum endeten, nun kommen diese Visionen auch tagsüber. Aus Daniel wird ein Alien, das seiner Ex-Freundin seine Tentakel in den Rachen steckt, oder der anzügliche Tanz der beiden auf der Schulparty verwandelt sich im Blitzgewitter des Stroboskoplichts zu einer blutigen Zeremonie. Überhöht, stilisiert und dennoch auch augenzwinkernd findet der Film Bilder für die Eifersucht und die Angst. Eine der wichtigsten Erfahrungen in Tommys Leben ist es, mit diesen unangenehmen Gefühlen, mit Niederlagen und Enttäuschungen umgehen zu lernen.

Familie und Zugehörigkeit: Woher komme ich?

Für seine jüngere Schwester hat Tommy schon lange die Rolle des Ersatzvaters übernommen. Von seiner Mutter kann er in dieser Hinsicht nicht viel erwarten, sucht diese ihr Glück doch mit verschiedenen Liebhabern und ist am Ende doch wieder niedergeschlagen, wenn sie erneut verlassen wird. Mit seinen Prinzipien bringt Tommy eine verlässliche Ordnung in diese Familie und zeigt, welche Verantwortung er übernehmen kann. Umso schlimmer trifft es ihn, als ihm seine Mutter schließlich gesteht, dass der Geistliche auf dem Foto nicht sein Vater ist. Mit dieser Offenbarung zerstört Tommys Mutter das Selbstbild ihres Sohnes. Plötzlich erfährt er, dass die Geschichte seines Lebens eine Lüge war. Wütend reißt er sich das Kreuz vom Hals. Zog Tommy bislang Kraft aus dem Bild seines vermeintlichen Vaters, so spiegelt diese Szene symbolisch eine Ablösung von den Eltern. Das Vaterbild löst sich auf und wird wertlos – und zugleich werden die Werte der Mutter und ihre Fehler so deutlich wie selten zuvor. Tommy grenzt sich ab und muss einen neuen, einen eigenen Standpunkt finden und behaupten.

Kurz danach macht Tommy beinahe einen Fehler, der nicht mehr gutzumachen gewesen wäre. Als er beobachtet, wie Daniel mit Maria auf der Theaterbühne schläft, löst er das Sicherheitsseil eines Scheinwerfers, der Daniel nur durch einen glücklichen Zufall nicht erschlägt. In diesem kurzen Moment ist all das Verantwortungsbewusstsein, dass er sonst in seiner Familie beweist, verschwunden. Durch Ahmeds inszenierte Ermordung von Daniel gelingt es diesem, Tommy an seine Grenzen zu bringen. In diesem Augenblick verliert er tatsächlich die Kontrolle, weil auf einmal alles keinen Sinn mehr macht in seinem Leben.

Als seine Mutter ihm am nächsten Morgen die Adresse seines echten Vaters an den Spiegel klebt, wird Tommys Geschichte zu einer Reise ohne festes Ziel. Nach vorne und doch zugleich zurück in die Vergangenheit, weil er seinen Vater kennen lernen wird. Da inzwischen Mai an seiner Seite steht, ist es ein hoffnungsvolles Ende, ganz gleich, wie das Treffen mit seinem Vater auch verlaufen mag.

 

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