
Durchblick 14+ – Tommys Inferno – Ove Raymond Gyldenås – N 2005 – 91 min
Filme erzählen ihre Geschichten nicht nur durch die Dialoge und die Handlungen der Figuren, sondern vor allem auch durch die Art und Weise, wie die verschiedenen Szenen in Bilder umgesetzt und mit Geräuschen und Musik untermalt wurden. Zu der filmischen Gestaltung zählen zum einen die offensichtlichen Bildinhalte: So vermittelt beispielsweise die Ausstattung schon viel über die Situation oder die Kostüme über den Charakter einer Figur. Zum anderen ist bedeutsam, aus welcher Perspektive oder aus welcher Nähe beziehungsweise Distanz (Einstellungsgrößen) eine Figur aufgenommen wurde. Weitere Hinweise und Bedeutungsebenen erschließen sich über die Abfolge der verschiedenen Einstellungen und Szenen aufeinander (Schnitt beziehungsweise Montage), die Farbgebung, den Einsatz von Licht und Schatten, die Musikuntermalung und das Sounddesign oder auch die Art und Weise, wie Figuren innerhalb eines Bildes zueinander positioniert werden (Cadrage). Für die medienpädagogische Filmanalyse ist es nicht nur wichtig, filmsprachliche Mittel erkennen zu können, sondern vor allem auch, für deren Wirkungsweisen zu sensibilisieren. Themen und Gestaltungsmittel eines Films sind dabei nie zu trennen, sondern ergänzen sich.
Die folgenden Unterkapitel stellen eine Auswahl bemerkenswerter Gestaltungsmerkmale von „Tommys Inferno“ sowie deren Bedeutungen oder Wirkungen vor.
Symbole unterstützen die emotionale Wirkung eines Films, weil sie komplexe Beziehungen, Querverweise oder Gefühlszustände in klaren Bildern verständlich oder nachvollziehbar machen. Oft finden sich in ihnen Entsprechungen für die Motive oder Hoffnungen der Figuren.
Das alte Foto seines vermeintlichen Vaters ist das wichtigste Symbol in Tommys Leben. Gerade weil er ihn nie gesehen kann, bietet dieses Bild die ideale Projektionsfläche für alle seine Sehnsüchte. Der Vater auf dem Foto wird ihn nie so enttäuschen, wie dies seine Mutter oft tut. Er wird sich nicht wie diese auf ein Lotterleben voller wechselnder Beziehungen einlassen. Tommys Vater steht für Verlässlichkeit und Werte. Immer wieder vergleicht Tommy sich selbst mit seinem Vorbild und sucht nach körperlichen Ähnlichkeiten. Umso schlimmer ist es für ihn, als dieses starke Symbol plötzlich an Wert verliert. Der Mann auf dem Foto entpuppt sich als ehemaliger Lehrer seiner Mutter – ein Mensch, zu dem Tommy keinerlei Bezug hat. In der letzten Sequenz des Films geht die Bedeutung, die das Foto für Tommy hatte, auf einen Namen und eine Adresse über, die seine Mutter auf einen gelben Klebezettel geschrieben hat. Nun trägt diese die Hoffnung von Tommy, mehr über seine Herkunft und seine Familie zu erfahren.
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Da Tommys strenge Gläubigkeit zum Auslöser des zentralen Konflikts des Films wird, kommt religiösen Symbolen eine besondere Bedeutung zu. Ove Raymond Gyldenås rückt sie dabei nicht immer in den Vordergrund des Szenenbilds, sondern lässt sie auch am Rande auftauchen. Offensichtlich sind solche Szenen, die in der Kirche spielen und die Tommy betend oder als Messdiener zeigen. Aber auch neben Tommys Bett in seinem Schlafzimmer steht eine Engelstatue. In Marias Zimmer ist über ihrem Bett deutlich ein Kreuz zu sehen. Obwohl Religion im Leben der beiden Jugendlichen eine Rolle spielt, repräsentiert Maria einen modernen Glauben, der das Leben zwar begleitet, es aber nicht so stark reglementiert wie in Tommys Fall. Am deutlichsten wird dieser Gegensatz in einer Szene des 3. Kapitels, in der Maria Tommy auf der Theaterbühne der Schule verführen will. In dieser gibt es eine Einstellung, die das Pärchen in einer Halbtotalen zeigt und somit auch den Raum um sie herum erkennen lässt. Links am Rand des Bildes, auf Tommys Seite, steht die Statue einer Madonna mit gefalteten Händen. Auf der rechten Bildseite hingegen steht an dieser Stelle nichts. Stattdessen fällt auf, dass Maria auf leuchtend roter Bettwäsche sitzt, die Leidenschaft oder Liebe signalisiert. Tommys Seite des Betts hingegen ist eher neutral. Die Gestaltung des Bildes verdeutlicht damit die unterschiedlichen Standpunkte und Motive von Tommy und Maria.
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| Engelstatue | Kreuz über Marias Bett |
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| Madonnastatue (siehe auch Kapitel 3 im Videoteil!) | |
Die Haltung der Figuren spiegelt sich auch in ihren Kostümen. Wie Tommy trägt Maria eine Halskette mit einem Kreuz-Anhänger. Überhöht wird die Symbolkraft schließlich auf der Schulparty: Während Tommy mit seiner Alltagskleidung kommt, trägt Maria ein Engelskostüm und spielt damit mit dem Klischee der Unschuld und Reinheit. Wie Tommy erfahren hat, plant sie noch für denselben Abend, mit Daniel das erste Mal zu schlafen. So ist es nur konsequent, dass Marias und Daniels lasziver Tanz sich in seinen Augen urplötzlich zu einem blutigen Schauspiel verwandelt. Tommys Eifersucht macht ihm das Leben wortwörtlich zur Hölle. Der Egoist Ahmed hingegen taucht von Anfang an als Teufel auf und treibt damit sein selbst geschaffenes Image als „böser Junge“, der sich an keine Regeln hält, auf die Spitze.
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| Kreuz als Schmuck | Ahmed als Teufel |
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| Maria als Engel |
Unscheinbarer sind jene Symbole, die nur gelegentlich im Hintergrund auftauchen, aber trotzdem viele Hinweise auf die Charaktereigenschaften der Figuren geben oder eine Situation kommentieren. In Tommys Zimmer ist – ausgerechnet in der Szene, in der die Welt für ihn zusammenbricht und er sich sogar wütend das Kreuz von seinem Hals reißt – an der Wand ein Poster mit John Lennon zu sehen, dem „Träumer“ und Pazifisten. Danach verliert Tommy selbst die Kontrolle und bringt seinen Kontrahenten Daniel in ernsthafte Gefahr. In Marias Zimmer hingegen hängt ein Filmplakat von Stanley Kubricks „Lolita“, in dem dieser die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens erzählt, das einem erwachsenen Mann den Kopf verdreht.
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| Lolita-Filmplakat | John Lennon |
Als Ahmed sein Pamphlet mit den Regeln der Selbstanbetung in der Rumpelkammer der Schule, die er später zu seinem Klassenzimmer umbaut, kopiert, trägt er ein T-Shirt mit dem berühmten Bild von Che Guevara und setzt seine eigenen Absichten damit in Beziehung zu der Guerilla des linksintellektuellen Revolutionärs, der von vielen noch heute als Märtyrer und Idol gefeiert wird.
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| Che Guevara |
Zwei Farben dominieren die Gestaltung von „Tommys Inferno“: Rot und Blau. Bereits die ersten Einstellungen des Films irritieren durch das ungewöhnliche Licht. Die Szene spielt anscheinend auf einem Jahrmarkt. Wir sehen Tommy und Maria nur in nahen oder großen Aufnahmen. Sie haben an einem Automaten einen Teddybären und einen Ring gewonnen und beschwören ihre Liebe. Tommy steckt Maria den Ring an. Ihre vom Regen nassen Gesichter sind dabei in tiefes Blau getaucht, sodass sie beinahe wie Außerirdische wirken. Auf diese kurze Szene, die die Hauptfiguren des Films vorstellt und das Thema Liebe und Hochzeit einführt, folgt ein Ortswechsel. Tommy zündet in der Kirche Kerzen an. Aus der Flamme entsteht die Titeleinblendung. Die Buchstaben scheinen zu brennen und setzen einen Kontrast zu dem Blau des Anfangs.
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| Tommy mit blauem Gesicht | Maria mit blauem Gesicht |
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| Titel |
Die in blauem Licht gehaltenen Szenen lassen die Bilder kalt und steril wirken. Sie betonen Momente der Ruhe oder den Ernst einer Situation. Blau sind die Szenen in der Kirche, wenn Tommy betet, oder er aus Frust und Enttäuschung in der Badewanne untertaucht, nachdem ihm seine Mutter die Wahrheit über seinen Vater erzählt hat. Kühl wirkt auch Mai, wenn sie bei der Schießübung auf Tommys Foto feuern soll. Oder aber jene Horrorvision, als Tommy Maria auf dem Schulflur trifft und Daniel plötzlich wie ein Monster hinter ihrem Rücken auftaucht und sie mit seinen Tentakeln „küsst“.
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| Tommy betet | Tommy unter Wasser |
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| Mai schießt | Tommys Vision im Flur |
Rot hingegen strahlt Energie aus. Die Signalfarbe Rot oder rotes Licht kann Liebe ebenso wie Leidenschaft symbolisieren, aber auch Aggression und Gefahr. Der Film spielt mit diesen gegensätzlichen Bedeutungen und setzt sie vielfältig ein. Das leuchtende Rot von Rubinas Kopftuch zieht Aufmerksamkeit auf sich – vor allem von Ahmed, der sich in das forsche Mädchen verliebt. Die Farbe von Tommys T-Shirt ist am Anfang weiß. Als der Streit mit Maria immer schlimmer wird, trägt Tommy häufiger ein rotes T-Shirt oder eine rote Jacke. Marias Farbe ist durch den ganzen Film hindurch Weiß oder blasses Rosa, obwohl gerade sie diejenige ist, die das Klischee der Unschuld und des Engelhaften unterläuft. Das Mädchen hingegen, das ihr am Ende des Films auffällt, hat erneut einen roten Pulli an.
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| Rubina mit rotem Kopftuch | Maria beobachtet anderes Mädchen |
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| Das andere Mädchen lächelt zurück | Tommy wartet vor der Schule |
Eine stark kontrastierende Wirkung entfalten die Farben Rot und Blau zum Beispiel in einer Szene auf der Schulparty. Von Eifersucht geplagt empfindet Tommy den Tanz von Maria und Daniel als satanische Angelegenheit. In seiner Vorstellung vollführt das in Blut gebadete Pärchen ein heidnisches Ritual. Deutlich hebt sich die Farbe Rot hier von dem blauen Hintergrund ab und wirkt so noch intensiver. Tommy verliert nach dieser Horrorvision das Bewusstsein. Die Mischung aus bedrohlicher Kühle und aggressivem Verhalten spiegelt sich auch in der inszenierten Exekution von Daniel. Hinter dem blauen Scheinwerferlicht der Theaterbühne erstrahlt der Vorhang in tiefem Rot. An Dynamik gewinnt diese Einstellung zudem durch die gekippte Kamera, die den Eindruck erweckt, als ob alle Figuren an einem Abhang stehen würden.
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| Maria und Daniel in blauem Licht | Das gefälschte Theaterstück |
Die Art und Weise, wie einzelne Einstellungen innerhalb einer Szene sowie einzelne Szenen innerhalb des gesamten Films aneinander montiert werden, bestimmt den Rhythmus und die Atmosphäre der Geschichte. „Tommys Inferno“ erzählt dabei nicht nur von Tommy, sondern vor allem auch von Maria und Ahmed. Sobald sich die Wege dieser drei Figuren trennen, greift der Cutter auf die Technik der Parallelmontage zurück. Bei dieser wird eine zeitgleich passierende Handlung auf mehrere Szenen verteilt. Der Film springt zwischen verschiedenen Figuren hin und her und setzt durch die Gleichzeitigkeit deren Handlungen und Situationen zueinander in Beziehung. Diese Technik kann die Spannung steigern und wird oft in besonders dramatischen Szenen eingesetzt. Als Tommy auf der Party nach seiner beängstigenden Vision von Maria und Daniel auf der Tanzfläche wieder aufwacht, ist Maria verschwunden. Tommy will unbedingt verhindern, dass Daniel mit seiner großen Liebe schläft und rennt los. Während Tommy durch den Regen läuft, sehen wir, wie sich Maria und Daniel küssen und ausziehen. Mehrmals wechselt die Montage zwischen den beiden Schauplätzen und kontrastiert Tommys verzweifelten Lauf gegen die Zeit mit Maria und Daniel. Der Zuschauer weiß, dass Tommy zu spät kommen wird – die Zeitlupe lässt sein Laufen noch langsamer wirken. Die Szene lebt somit von den widersprüchlichen Gefühlen zwischen Tommy auf der einen Seite und Maria/Daniel auf der anderen. Während treibende Musik die beiden Schauplätze überbrückt und verbindet, wird dieser Gegensatz auch durch die Farbgebung verstärkt: Tommys Szenen spielen in grünlich-kaltem Gegenlicht, das Zimmer von Maria erstrahlt in warmen Orangetönen.
Ähnlich dramatisch wurde der Höhepunkt des Films geschnitten. In diesem wechselt die Handlung zwischen drei zeitgleich stattfindenden Schauplätzen, die keinen direkten Bezug zueinander haben. Während Maria mit Vivian schläft, versucht Tommys Schwester Isobel, ihren toten Wellensittich wiederzubeleben. Unterdessen soll Tommy den gefesselten Daniel im Schultheater erschießen. Verbunden werden die Szenen durch ein Gewitter. Zeitgleich ereignen sich Marias erster Orgasmus, der Blitz, der den toten Wellensittich wie durch ein Wunder wieder aufleben lässt und Tommys Schuss.
Filmsequenzen (siehe Videoteil):
Montagesequenz 1: Wettlauf gegen die Zeit (0:49 - 0:53)
Montagesequenz 2: Das große Gewitter (1:07 - 1:13)