
Durchblick 8+ – Übergeschnappt – Knetter – M. Koolhoven – NL 2005 – 81 min.
„Übergeschnappt“ ist ein unterhaltsamer Film zu einem emotional schwierigen Thema, der mit Humor und großem Identifikationspotential eng mit der kindlichen Hauptfigur mitgeht. Deshalb eignet sich der Film sowohl zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit seinem Thema als auch zur formalen Betrachtung seines Aufbaus und seiner Erzählstruktur sehr gut. Inhaltlich geht es bei der Arbeit mit dem Film grundsätzlich um folgende Möglichkeiten:
Im Rahmen eines fächerübergreifenden Projektes – beispielsweise zum Themenkomplex „Ich und die anderen“ oder „Anders Sein“ – können sowohl inhaltliche als auch medienpädagogische Aspekte zusammenhängend behandelt werden. Ein inhaltlicher pädagogischer Transfer gelingt dem Film dabei zum einen durch die Darstellung der kranken Mutter, die kein Mitleid erregt sondern echte Sympathie erzeugt bzw. auch beim Zuschauer ähnliche Gefühle weckt, wie sie Bonnie hat, zum anderen durch die Nachvollziehbarkeit der Familiensituation und durch die eigentlich recht geborgene und dadurch wenig bedrohliche Lage, in der sich Bonnie befindet.
Folgende Aspekte lassen sich besonders gut im Deutschunterricht behandeln:
Anregungen für die Einbeziehung des Filmes in eine Unterrichtseinheit „Anders Sein“ finden sich bei den methodischen Vorschlägen für den Unterricht – Lebenskunde / Ethik / Religion.
Die Ich-Erzählform
Die Geschichte des Filmes wird – teilweise mit vorsichtiger Vorwegnahme der besonders dramatischen Ereignisse – von Bonnie erzählt. Ihre Stimme wird von Bildern begleitet, die alltägliche Situationen zeigen, gleichzeitig heben die Worte ihre Erlebnisse aus dem Alltag heraus.
Je nach Altersstufe der Kinder kann hier mit dem Text des Filmes gearbeitet werden. Das Arbeitsblatt 4: „Die Großmutter verunglückt“ enthält die Erzählung über den Tag, an dem die Großmutter verunglückt, und die Bilder, die dieser Erzählung unterlegt sind. Mit Hilfe dieses Arbeitsblattes können
sehr gut herausgearbeitet werden.
Ein weiterer Aspekt der Ich-Erzählform ist das Gefühl von Authentizität, das es beim Zuschauer erzeugt. Bonnie erzählt dem Zuschauer etwas von sich – und das schafft Nähe und besondere Aufmerksamkeit.
Im Deutschunterricht kann diese formale Entscheidung näher betrachtet werden. Durch unterschiedliche Arten der Nacherzählung (beispielsweise in der dritten Person, als Protokoll der Ereignisse, Tagebuchform mit Erwähnung der dazugehörigen Gefühle, Reportage von einem Beobachter, etc.) merken die Schülerinnen und Schüler relativ schnell, wie die Form den Inhalt beeinflusst und welche Form Nähe oder Distanz zur Handlung schafft.
Die Figuren und ihre Beziehungen
Die Hauptfiguren des Filmes sind Bonnie und ihre Mutter – ihre Identität und ihre Beziehung zueinander bestimmen die Geschichte. Deshalb ist es für eine nähere Betrachtung der Handlung wichtig, sie zu charakterisieren – mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden, ihren Gefühlen und deren Ausdrucksformen.
Mit Hilfe der Bilder aus der Bildergalerie können große Plakate über Bonnie und ihre Mutter erstellt werden – daneben können Kinder in Gruppenarbeit oder als gemeinschaftliche Arbeit im Klassenverband Eigenschaften oder Ereignisse schreiben, die diese Figuren charakterisieren.
Auf einem dritten großen Plakat sollten die weiteren Beziehungen von Bonnie und ihrer Mutter dargestellt werden – zur Großmutter, zu Koos, zum Lehrer, zu Cees, zu Jorien, zu Puch und zu den Elefanten. Die Schülerinnen können die Nähe zu den Personen / Tieren durch unterschiedliche Farben differenzieren und dazu schreiben, wie diese Beziehung aussieht.
Natürlich ist es auch in Einzelarbeit möglich, die Figuren und ihre Beziehungen zueinander darzustellen und/oder zu beschreiben.
Gefühle und ihre Darstellung
Ähnlich wie bei den Beziehungen ist es sinnvoll, die unterschiedlichen Gefühle der Figuren, insbesondere die Gefühle von Bonnie gegenüber ihrer Mutter, auf einem Plakat mit Bildern darzustellen. Folgende Themen können in diesem Zusammenhang im Deutschunterricht zur Sprache kommen:
Elefanten
Der Elefant gilt als höchst sensibel und gleichzeitig dickhäutig, als vorsichtig und zerstörerisch, als erinnerungsfähig und nachtragend. Elefanten sind wegen ihrer Größe gleichzeitig Furcht einflößend und beschützend. Im Film stellen sie einen Teil der Kraft dar, die Bonnie braucht, um in dieser Familie zurechtzukommen. „Wir sind eine Elefantenfamilie“ – diese Aussage durchzieht den gesamten Film.
Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist das Thema „Hilfe“. Bonnie hilft die Kraft des großen Tieres für ihr eigenes Leben. Sie fragt sich in wichtigen Zusammenhängen (zum Beispiel auch am Ende des Filmes), was ein Elefant in ihrer Situation tun würde und sie verbindet die wichtigen familiären Gefühle mit der gemeinsamen Vorliebe für Elefanten. Das hilft ihr, bei aller „Fremdheit“, die die Krankheit der Mutter für sie auch bedeutet, in jeder Situation eine Bindung zu erkennen und sich darin geborgen zu fühlen. Im Unterricht kann dieser Aspekt aufgegriffen und die wichtigsten mit Elefanten verknüpften Stationen des Filmes können damit verbunden werden (das Gespräch mit dem Lehrer im Zoo, der Zirkusbesuch mit Koos, der Elefant im Garten – aber auch die vielen Fotos von Bonnies Großvater, dem Wildhüter, und die vielen Elefantenfiguren in der Wohnung, Bonnies Kuschelelefant).
Die Schülerinnen und Schüler können „Kuschelelefanten“ und andere Spielzeugelefanten mitbringen und ihnen einen kurzen Text widmen, der erklärt, weshalb sie ihnen wichtig sind. Kinder, die zu Elefanten eine eher respektvoll distanzierte Einstellung haben oder sich vor den Tieren fürchten, können diese Gefühle in ihrem Text bearbeiten.
In diesem Zusammenhang ist auch eine Sammlung von Begriffen und Sprichwörtern möglich, die mit „Elefant“ assoziiert werden. Was fällt den Kindern dazu ein? Was bedeutet das Wort / das Sprichwort? Wie würden sie es malen? Beispiele können sein:
Jüngere Kinder können in diesem Zusammenhang auch eine Collage mit Elefantenfotos anfertigen und anhand der Bilder mündlich beschreiben, was die Elefanten mit Bonnie zu tun haben.
Eine ganz andere Möglichkeit, die Handlung des Filmes nachzuerzählen, ist, sie aus dem Blickwinkel eines Elefanten darzustellen. Vielleicht kann hier in spielerischer Form jeder „Elefant“ der Klassengemeinschaft einen Satz zu der Geschichte beitragen.
Dramaturgische Aspekte
Der Film kombiniert Bild und Erzählung häufig in gegensätzlicher Form, Während angedeutet wird, dass der Tag schrecklich endet, sieht man Bonnie und Koos mit nur je einem Schuh über den Schulhof hüpfen. Schülerinnen und Schüler können mit Hilfe der Bildergalerie oder des Arbeitsblattes 8: „Der Innere Monolog“ solche Situationen erkennen und die Gegensätze erläutern.
Die Kernfrage dieser dramaturgischen Technik ist: Warum wird diese Form gewählt? Wie erzeugt sie Spannung? Wie schwächt sie die Tragödie für den kindlichen Zuschauer auf ein erträgliches Maß ab? Die Kinder sollten darüber diskutieren, ob ihnen andere Formen einfallen, die tragische Ereignisse ganz anders einführen und erzählen.
Das Happy-End
Der Film hat ein glückliches Ende, das erwachsenen Zuschauern nicht allzu realistisch erscheint, das kindlichen Zuschauern jedoch einen zufrieden stellenden Ausgang der Geschichte bietet.