
Durchblick 8+ – Übergeschnappt – Knetter – M. Koolhoven – NL 2005 – 81 min.
„Übergeschnappt“ behandelt ein wichtiges gesellschaftliches Tabuthema – die psychische Erkrankung von Müttern oder Vätern – mit großem Gespür für kindliche Empfindungen, Ängste und Sehnsüchte. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die einen psychisch kranken Elternteil haben, wird auf zwei bis drei Millionen geschätzt.
Da es betroffenen Kindern wahrscheinlich schwer fällt, über das Thema „psychische Krankheit von Eltern“ in der Klasse zu sprechen, muss im Unterricht behutsam mit dem Thema umgegangen werden.
Sollte bekannt sein, dass ein Kind in der Klasse ein psychisch krankes Elternteil hat, sollte sorgfältig abgewogen werden, welche Themenschwerpunkte im Unterricht zur Sprache kommen. Manche Kinder sind möglicherweise froh, über die häusliche Situation anhand des Filmes sprechen zu können, andere möchten sicherlich lieber zur persönlichen Lage schweigen. Auf die besondere Situation in einer Klasse mit einem betroffenen Kind kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da es sehr stark von der individuellen Situation abhängt, wie mit der Problematik umgegangen wird.
Der Film geht mit seinem Thema offensiv und humorvoll um. Das erleichtert nicht nur den Zugang zur Problematik, sondern öffnet den Zuschauer auch für das teilweise ungewöhnliche Verhalten der Mutter im Film und vermittelt starke Sympathien für sie.
Außerdem gelingt es dem Film, die Geschichte im richtigen „Tonfall“ und mit viel Verständnis für die Gefühlslage der 8- bis 12-Jährigen zu erzählen. Dabei verzichtet er auf Sentimentalität und dramatische Effekte und setzt stattdessen auf realitätsnahe Gefühle wie Trauer, Freude, Spannung, Wut oder Fantasie.
„Anders Sein“ als allgemeine Problemstellung des Filmes
„Übergeschnappt“ ist ein ausgezeichneter Aufhänger für das schwierige Thema „Psychische Erkrankungen“ überhaupt. Nicht nur, weil dem Film jegliche Bedrohlichkeit fehlt, sondern auch, weil er – bei aller Fürsorge für den kindlichen Zuschauer – nichts beschönigt oder ausklammert. Deshalb kann der Film in drei unterschiedlichen Zusammenhängen im Unterricht gezeigt werden:
Wenn mit dem Film vertiefend gearbeitet wird, bietet es sich an, alle Ergebnisse, die nach und nach zusammengestellt werden, auch auf großen Plakaten im Klassenraum aufzuhängen bzw. auszustellen.
Als Einstieg in die Thematik „Anders Sein“ sollte der Film nur kurz eingeführt werden, verbunden mit „Beobachtungsaufgaben“: Schülerinnen und Schüler erhalten dazu Stichpunkte / Fragestellungen, worauf sie während des Sehens achten sollen. Diese Stichpunkte werden zunächst ganz allgemein gehalten, damit das Sehen vorurteilsfrei erfolgt:
Natürlich können solche Aufgaben auch von Anfang an verschiedenen Gruppen gestellt und nach dem Film im Klassenverband zusammengetragen und/oder auf Plakatwänden zusammengestellt werden.
Das Thema selbst kann im Anschluss daran unter anderem unter folgenden Gesichtspunkten vertieft werden:
Eine Sammlung von Begriffen zum Themenkomplex „Anders Sein“ kann der Sichtung des Filmes auch gut vorausgehen. Die Vorstellung davon, dass jemand „anders“, „nicht normal“, „verrückt“ ist, ist (nicht nur bei Kindern) oft eher diffus. Die Schülerinnen und Schüler können hierzu
Wird der Film als Abschluss eingesetzt, sollte keinesfalls darauf verzichtet werden, die Grundthematik noch einmal aufzugreifen, es sei denn, „Psychische Krankheit“ sei bereits thematisiert worden.
„Psychische Krankheit eines Elternteils“ als spezifisches Thema des Filmes
Bonnies Mutter leidet unter einer manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare affektive Störung genannt, weil sich die Stimmungsschwankungen der erkrankten Person zwischen den Polen von Freude und Trauer bzw. Einsamkeit bewegen. Die Krankheit, die in Deutschland etwa 800.000 Menschen betrifft, erfolgt in Krankheitsphasen, die von Zuständen abgelöst werden, in denen keine psychische Erkrankung erlebt wird oder zu erkennen ist. Vielleicht kennen die Schülerinnen und Schüler die Bemerkung „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, die das Krankheitsbild treffend umschreibt. Siehe Info Psychische Erkrankungen.
Am Beispiel von Bonnies Mutter kann das Krankheitsbild beobachtet werden, ohne dass es genauer erläutert werden muss. Bonnie nennt ihre Mutter die „Ganz-oder-gar-nicht-Mutter“ – auch das eine treffsichere Umschreibung. Vielleicht fallen den Schülerinnen und Schülern noch mehr Metaphern oder Umschreibungen für den Zustand von Bonnies Mutter ein.
Neueren Studien zufolge ist die Krankheit, die manchmal nur ein einziges Mal auftritt, in anderen Fällen jedoch regelmäßig wiederkommt, auf genetische Störungen zurückzuführen. Offenbar liegen diese Störungen in den Botenstoffen, die die Empfindungen steuern. Entsprechend wirken Medikamente – so, wie es Bonnies Mutter auch beschreibt – auf das Erleben und die Empfindungen der Erkrankten.
Bonnie beschreibt ihre Mutter in diesen Phasen als „Fremde“, sie kann (und will) diese Mutter nicht verstehen. Doch nach dem Tod der Großmutter ist sie gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen.
Psychische Erkrankungen naher Angehöriger, insbesondere von Eltern oder Geschwistern, verunsichern (nicht nur) Kinder sehr. Eine Mutter, die nicht aus dem Bett aufsteht, die nicht wissen will, was man erlebt hat, die nicht essen will und auch sonst nichts macht, ist bedrohlich, denn sie kann keine Zuwendung und Aufmerksamkeit geben. Eine Mutter, deren Fröhlichkeit und Albernheit die Grenzen überschreitet, die Erwachsene sonst zeigen, verunsichert ebenfalls, ist jedoch besser zu verstehen, denn auch Kinder sind noch sehr affektiv in ihrem Verhalten und kennen euphorische Zustände.
Grippe, Magenbeschwerden und andere körperliche Erkrankungen sind nachvollziehbar, weil jeder sie kennt. Auch seltenere körperliche Krankheiten können als vorübergehend und heilbar von Kindern eingeordnet werden und verlieren durch das Wissen um Symptome, Medikamente und Dauer der Heilung bald ihren Schrecken. Psychische Erkrankungen kennt nicht jeder, die Stimmungswechsel wirken unmotiviert, Art und Dauer der Heilung sind nicht wirklich nachvollziehbar – es ist schwierig, dafür Verständnis aufzubringen. Auch in der umgebenden Gesellschaft sind psychische Erkrankungen ein Tabu-Thema und werden gern in die Nähe falschen Verhaltens gerückt. In diesem Sinne ähneln sie in der Wahrnehmung der Umwelt Süchten, die nach Meinung vieler mit etwas Disziplin und gutem Willen geheilt werden können. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit, die eine psychische Erkrankung noch bedrohlicher macht.
Um bei den Schülerinnen und Schülern Verständnis zu wecken, ist es wichtig, ihnen Wissen zu vermitteln. Sie müssen den Unterschied zwischen großer Trauer und Depressivität ebenso erkennen lernen wie den zwischen spontanem Spaß und Manie.
Anregungen für das methodische Vorgehen
Dazu sollten sie die Gefühle der Mutter bestimmten Verhaltensweisen und Krankheitsbildern zuordnen:
Mit Hilfe der Bilder aus dem Film lassen sich die Stimmungen und Gefühle der Mutter gut illustrieren, beschreiben und zuordnen. Hier kann wahlweise jede/r Schüler/Schülerin ein bestimmtes Bild zugeteilt bekommen (oder sich selbst auswählen), es betrachten, beschreiben und auf die Tafeln „Bonnies Mutter ist manisch“ und „Bonnies Mutter ist depressiv“ kleben. Außerdem können Bonnies Versuche, die Mutter aufzuheitern oder zu bremsen, dazugeschrieben oder geklebt werden. Anhand von den Einzelszenen, die auf der DVD-Video-Ebene als Extra ausgewiesen sind, können die Darstellung und die Auflösung der Stimmungen ebenfalls beschrieben werden.
Ein wichtiger Aspekt für das Begreifen einer psychischen Erkrankung ist auch der Versuch, sie „nachzuvollziehen“. Jedes Kind kennt gute und schlechte Laune und den Wechsel von Stimmungen durch ein Ereignis. Über solche Erfahrungen kann in der Klasse ausführlich gesprochen werden. Dabei sollten folgende Aspekte zur Sprache kommen:
Ein ganz anderer Aspekt ist Bonnies Umgang mit Liz’ Krankheit. Auch Bonnie ist traurig, fröhlich, ausgelassen, wütend, teilweise verzweifelt. Sie lügt und schwindelt, überlegt sich Lösungen, sucht Hilfe und verkriecht sich im Baumhaus.
Wie empfinden die SchülerInnen ihr Verhalten?
Mit Bonnies Versuchen, die Probleme in den Griff zu bekommen, befasst sich auch das Arbeitsblatt 1. Es zeigt Situationen, in denen Bonnies Gefühle sehr unterschiedlich sind. Mit Hilfe der dort abgebildeten Szenen können die Beziehungsstrukturen und die Empfindungen der Personen im Unterricht gut thematisiert werden.