
Durchblick 8+ – Übergeschnappt – Knetter – M. Koolhoven – NL 2005 – 81 min.
„Es ist wieder Eichhörnchenzeit. Eichhörnchen halten Winterschlaf. Mama auch. Sie schläft von morgens bis abends. Ab und zu kommt sie träge aus dem Bett, um einen Happen zu essen oder aufs Klo zu gehen.
Aber sie ist nicht immer ein schläfriges Eichhörnchen. Manchmal entpuppt sie sich als Zirkusaffe. Dann jongliert sie mit Pfannkuchen und rutscht wie Mary Poppins das Treppengeländer runter. (…) Dann ist Mama der fröhlichste Mensch auf der ganzen Welt.
Ein anderes Mal ist sie ein ängstlicher Hase. Sie ist verwirrt und guckt mit bangen Augen um sich. Sie klammert sich an Papa fest, der stundenlang neben ihr auf dem Sofa sitzen muss. (…)
Manchmal wird aus der Angst Traurigkeit und dann weint Mama ununterbrochen. Sie weint nicht normal, sondern ganz tief. Ich kann viel vertragen, aber wenn Mama so weint, ist es, als würde ihre Traurigkeit durch ein unsichtbares Röhrchen in meinen Körper tropfen. (…)
Aber ganz ohne Abrakadabra kann aus dem traurigen Hasen ganz plötzlich auch eine Giftschlange werden. Dann ist Mama einfach ekelhaft. Ein Scheusal, das ohne Grund wütend auf uns ist und nur gemeine Dinge und Lügen brüllt. (…)
Aber von einem Tag zum anderen verwandelt sich die Giftschlange dann wieder ganz von selbst in einen süßen Teddybären, der irrsinnig lieb zu uns ist. (…) In solchen Momenten weiß ich, dass es keine liebere Mutter als meine gibt.
Mama ist anders als die meisten Mütter: Sie ist ein Eichhörnchen, ein Zirkusaffe, ein Hase, eine Schlange und ein Schmusebär zugleich. Sie ist voller Überraschungen. (…) Mit Mama kann ein Tag unendlich schön sein, aber genauso gut einfach grässlich.“
Brigitte Minne: Eichhörnchenzeit oder Der Zoo in Mamas Kopf,
S. 16 – 18, Verlag Sauerländer, 2004
„Dann haben sie in der Schule gesagt, dass Mama verrückt ist. „Die ist bei den Irren!“, hat der dicke Dirk gebrüllt. „In der Irrenanstalt!“
„Gar nicht wahr!“ hab ich geschrien. Ich hab zu Lule hingeguckt, weil sie mich jetzt doch immer beschützt, aber Lule hat auch nichts gesagt. Da hab ich schreckliche Angst gekriegt, dass Dirk vielleicht Recht hat.
„Alter Idiot!“, hab ich gebrüllt und versucht, nach ihm zu treten.
Aber da ist Frau Krottmann grade in die Klasse gekommen und hat ganz streng zu mir hingeguckt, und wir sind zu unsren Plätzen gegangen.
Aber Dirk hat mich doch noch mal angerempelt, als er an mir vorbeigegangen ist. „Und du kommst da auch noch mal hin!“, hat er geflüstert. „Wenn die Eltern es haben, kriegen die Kinder es auch!“
Ich hab mich auf meinen Platz gesetzt und versucht, zuzuhören, was Frau Krottmann erzählt. Ich konnte es aber nicht.
Wenn Mama verrückt ist, werde ich es auch, das stimmt. Das hab ich auch schon gehört, und das Wort heißt Vererbung. Wenn die Eltern es haben, kriegen die Kinder es auch, das wird schon stimmen. Man kriegt ja auch die Haarfarbe von den Eltern und die Größe und die Nasenform.
Da hab ich auch plötzlich verstanden, warum Papa nie mit mir über Mama geredet hat. Weil er Angst davor hatte, die Wahrheit zu sagen, bestimmt. Das ist der Grund, und das kann ich auch verstehen.“
Kirsten Boie: Mit Kindern redet ja keiner,
S. 115/116, Fischer Taschenbuch Verlag 2005