
Von Beate Völcker
Drehbuchautorin Tamara Bos berichtet zur Entstehung der Filmgeschichte:
„Die Geschichte von Winky will ein Pferd (…) liegt mir sehr am Herzen. Ich habe mich sehr lange mit der Idee getragen, eine Geschichte über ein Mädchen schreiben, das St. Nikolaus um ein Pferd bittet und dann fälschlicherweise St. Nikolaus’ eigenes Pferd für ein Geschenk hält und mit nach Hause nimmt.
Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie die Magie von St. Nikolaus in der Vorstellungswelt kleinerer Kinder ungeahnte Dimensionen annimmt. Da Eltern diese Träume und Fantasien oftmals im Keim beschneiden, habe ich aus Winky ein Kind mit einem anderen kulturellen Hintergrund gemacht. Winkys Eltern sind mit den typischen niederländischen St. Nikolaus-Feierlichkeiten nicht vertraut und das gibt Winkys Fantasie den Raum, sich zu ungehindert zu entfaltet. Das Abenteuer dieses willensstarken Mädchens wird nicht von lästigen Erwachsenen beschnitten oder in enge Bahnen gelenkt. Ich habe eine chinesische Familie gewählt, weil die Chinesen für ihre isolierte Lebensweise bekannt sind. Dies sowie das geschäftige Leben von Winkys Eltern, die ein kleines Restaurant betreiben, lassen es glaubwürdig erscheinen, dass Winkys Eltern nicht wirklich an den Festlichkeiten um St. Nikolaus teilhaben, die für ihre Tochter so wichtig werden.
(…)
Um mich wirklich in diese Situation hineinversetzen und eine authentische Geschichte erzählen zu können, habe ich viele Recherchen unternommen und hatte häufig Kontakt mit Irene Chan*. Sie hat ihre ersten Lebensjahre in China verbracht, wo sie von ihrer Großmutter aufgezogen wurde, und kam mit vier Jahren in die Niederlande. Ich zeigte ihr mein Treatment und das Lustige war, dass sie einige der Szenen, die ich mir ausgedacht hatte, tatsächlich so erlebte (z.B. die Sache mit den Schuhen, die abends vor den Kamin gestellt wurden und am nächsten Morgen immer noch leer waren). Ich gab ihr auch die Endfassung des Drehbuches zu lesen, um mich zu vergewissern, dass ich nichts Falsches geschrieben hatte. Irene zerstreute auch meine Bedenken, dass Winky vielleicht ein bisschen zu willensstark sein könnte. Sie erklärte mir, dass das Bild des gehorsamen, bescheidenen chinesischen Mädchens, das in der westlichen Welt vorherrscht, ein Klischee sei. Natürlich gibt es auch abenteuerlustige und vorlaute chinesische Mädchen, und natürlich haben sie auch viele Konflikte mit ihren Eltern. Um Streit zu vermeiden, spielen sie vielleicht das brave Mädchen, aber in Wirklichkeit …
Wenn Winky gegen Ende der Geschichte aus ihrer Enttäuschung und ihrem Zorn heraus „Blöder St. Nikolaus“ schreit, dann ist das sehr ungezogen, und Winky weiß das. Aber indem sie offen ausspricht, was sie denkt, wird sie der wahren Winky vielleicht mehr gerecht, als wie wenn sie das ruhige kleine Mädchen vom Anfang des Films gewesen wäre.
Die Voice-Over, die erst in einer späteren Entwicklungsstufe hinzugekommen ist, funktioniert auf mehreren Ebenen: Sie macht Winky, die zu Beginn eher ruhig und zurückhalten ist, interessanter, indem sie uns einen direkten Zugang zu ihren Gedanken eröffnet. Die Voice-Over ist auch hilfreich für die jüngeren Zuschauer, weil sie zusätzlich notwendige Informationen transportiert. (…)
Quelle: Winky’s Horse, Presseheft, engl. Fassung, hrsg. von BosBros. Film-TV Productions. Übersetzung: Beate Völcker
* Irene Chan ist eine Migrantin aus Hongkong, die als Kind in die Niederlande kam und die die Autorin im Zuge ihrer Recherchen kennen lernte.
Zur Person:
Anna Tamara Bos wurde am 13. August 1967 in Ede in den Niederlanden geboren. Nach dem Abitur studierte sie Niederländische Sprache und Literatur an der Universität in Amsterdam, wo sie 1992 ihren Abschluss machte. Seit 1994 konzentriert sie sich ganz auf das Schreiben und verfasst Romane und Drehbücher.
Filmografie:
Spielfilme:
2005
Diep (Deep), nach dem Roman „Het leven Bestaat Niet“ von Hendrickje Spoor
Het Paard van Sinterklaas (Winky will ein Pferd), nach ihrem Kinderbuch „Winky en het paard van Sinterklaas“
2004
Verborgen begreken (Hidden Flaws), nach dem gleichnamigen Roman von Renate Dorrestein
Pluk van de Petteflet (Pluk and his Tow Truck) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Annie M.G. Schmidt
2001
Minoes (Die geheimnisvolle Minusch), nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Annie M.G. Schmidt
Fernsehserien:
2005
Anna, nach der gleichnamigen Biografie von Annejet van der Zijl über das Leben der Autorin Annie M.G. Schmidt
2000-2001
Knofje, nach den Kinderbüchern „Knofje, waar ben je?“ und „Knofje en Elisabeth“ von Burny Bos
1998
Otje, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Annie M.G. Schmidt
1996
Mijn Franse tante Gazeuze (My French Aunt Fizzy)
1994
Dag juf, tot morgen (Class Dismissed)
TV-Einzelstücke:
1996
Billy
1994
Pepette
2.2 Die Regisseurin Mischa KampDie Regisseurin Mischa Kamp über „Winky will ein Pferd“:
„Die Geschichte von Winky, einem kleinen chinesischen Mädchen, das sich in einer völlig anderen Kultur zurechtfinden muss, erzählt von dem universellen Konflikt des Überlebens in einer neuen und oftmals unfreundlichen Welt. Gemeinsam mit Winky teilen wir die komischen Missverständnisse, die Suche nach Liebe und Freundschaft und die schmerzliche Erfahrung von Ablehnung, die Immigranten erleben. Aber nichts kann die offene und wissbegierige Winky aufhalten. Wir als Zuschauer hoffen zutiefst, dass ihr Wunsch in Erfüllung geht.“
Quelle: „Winky’s Horse“, Presseheft, engl. Ausgabe, Übersetzung: Beate Völcker
Hinweis: Auszüge dieses Interviews finden sich auch auf der Videoebene dieser DVD („Extras“).
Zur Person:
Mischa Kamp wurde am 7.8.1970 in Rotterdam geboren. Nach dem Abitur studierte sie Kommunikationswissenschaften und von 1991 bis 1996 Drehbuch und Regie an der Film- und Fernsehhochschule (NFTVA) in Amsterdam. Seitdem hat sie erfolgreiche Kurzfilme und fiktionale wie auch dokumentarische Fernsehserien realisiert, die meisten davon für das Kinderprogramm. „Winky will ein Pferd “ ist ihr erster langer Spielfilm.
Filmografie:
2005-2006
Bloot (Naked); dokumentarische Animationsserie für Kinder; Drehbuch und Regie
2005
Winky will ein Pferd; Spielfilm; Regie
2004
Zwijnen (Pigs); Kurzfilm; Regie
2003
Bahia
2002
Kort!: De Sluikrups (The Lankworm); Kurzfilm; Drehbuch und Regie
2001-2002
Kids&Docs: D.C.V.L.K=De Club Van Lelijke Kinderen (The Club for Ugly Children); Kurzdokumentation
1997-2000
Waskracht!; TV-Magazin
1995-1996
Mijn Moeder Heeft Ook Een Pistool (My mum has a gun too); Kurzfilm; Drehbuch und Regie
1995
Yukio & Mayumi; Kurzfilm; Drehbuch und Regie
Winky Wong wird im Film von Ebbie Tam gespielt. Wie meist bei Kinderrollen war das Casting besonders aufwändig. Da Kinder keine professionellen Schauspieler mit entsprechender Ausbildung sind, muss genau das Kind gefunden werden, das vom Aussehen und von seiner Art her exakt die Filmfigur verkörpern kann. Die Suche nach der richtigen Winky führte die Regisseurin in chinesische Schulen. Daneben wurden über Anzeigen in entsprechenden Zeitungen Kontakte zur chinesischen Gemeinde gesucht. Insgesamt castete die Regisseurin um die achtzig Mädchen im Alter von sieben Jahren. Ein ganz wichtiger Aspekt bei der Besetzung war, dass die Darstellerin keine Angst vor Pferden haben durfte. Deshalb gehörte der Ausflug zu einem Pferdehof zum Bestandteil des Castings, um herauszufinden, wie die Mädchen mit Pferden umgehen können.
Ebbie Tam, auf die schließlich die Wahl fiel, wurde in Hongkong geboren, lebte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten aber schon seit mehreren Jahren in Holland.
Ebbie Tam beim Kameramann
Ebbie Tam bei den Dreharbeiten. Rechts im Bild ist die
Regisseurin Mischa Kamp zu sehen.
Interview mit Ebbie Tam
Quelle: www.nieuwsblad.be
Autor: Jan Ruysbergh; Übersetzung: Georgia Hauber
Hinweis: Ein weiteres Interview mit Ebbie Tam enthält die DVD („Extras“).
(…)
Was war die schwierigste Szene?
Als ich merke, dass ich doch kein echtes Pferd bekomme und dann „blöder Nikolaus“ zum Nikolaus sage. Ich bin jedes Mal zu schnell weggelaufen, aber die Regisseurin sagte, dass ich länger warten müsste. Ich musste auch häufig lachen.
Du wohnst schon sieben Jahre in den Niederlanden und du sprichst Niederländisch. Sprichst du auch noch gut Chinesisch?
Hm, nicht wirklich. Ich gehe jeden Samstag in die chinesische Schule und dort lernen wir eigentlich Mandarin, das ist eine chinesische Sprache. Aber ich passe nicht so gut auf. Ich finde es langweilig und ich quatsche lieber die ganze Zeit mit meiner Freundin. Ich komme aus Hongkong, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an das, was mir meine Mutter erzählt hat.
Möchtest du zurück nach Hongkong?
Ich bin die Niederlande gewohnt und ich hänge sehr an meinem Haus und meinem Viertel. Dort (in Hongkong Anm. d. R.) kann man auch nicht draußen spielen und ich spreche nicht so gut Chinesisch. Aber in Hongkong gibt es viele schöne Läden.
Hast du ein eigenes Pferd so wie Winky im Film?
Nein, aber ich hätte gerne eines. Ich mag auch Kaninchen, Hunde und Katzen sehr, aber meine Eltern erlauben mir nicht, ein Haustier zu haben, weil ich keine Zeit habe, es zu versorgen.
Weißt du schon, was du dir vom Nikolaus wünschst?
Einen Fernseher für mein Zimmer und vielleicht ein Pferd.
Kannst du wirklich reiten?
Ein bisschen. Ich habe Reitstunden auf einem Pony bekommen und danach auch eine Stunde auf einem größeren Pferd. Ich habe versucht, richtig oben zu bleiben, aber ich bin fast heruntergerutscht. Wenn das Pferd trabt ist es nicht schlimm, aber im Galopp finde ich es sehr schwierig.
Der Schauspieler Jan Decleir, geboren 1946 in Niel in Belgien, ist in der niederländisch-sprachigen Film- und Bühnenwelt eine Institution. Nach dem Studium der Bildenden Künste studierte der Flame Schauspiel an der Theaterschule Antwerpen. Seine Kinokarriere begann er Anfang der 70er Jahre. Seitdem war Jan Decleir in unzähligen Filmrollen zu sehen, darunter in den Oscar-prämierten Produktionen „Antonias Welt“ (1995) von Marleen Gorris und „Karakter“(1997) von Mike van Diem. Daneben spielt er nach wie vor regelmäßig am Theater.
Hinweis: Auszüge dieses Interviews finden sich auch auf der Videoebene dieser DVD („Extras“).
Jan Decleir über seine Motivation, in „Winky will ein Pferd“ zu spielen: „Ich wollte gerne mitmachen, weil es um Liebe, um Vertrauen, um, ja, Glaube und um Freundschaft geht, das ist sehr wichtig.“
Quelle: EPK, BosBros. Film-TV Production
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