
Von Ina Hochreuther
Warten die Kinder in Deutschland während der Vorweihnachtszeit auf das Christkind, kennen die holländischen Kinder eher die Vorfreude auf St. Nikolaus. Sint Nicolaas oder familiär Sinterklaas heißt er in den Niederlanden und bringt am 5. Dezember, begleitet vom „Zwarten Piet“, seine Gaben. Um ihn freundlich zu stimmen, stellen die Kinder vor seiner Ankunft Wasser und eine Mohrrübe oder Heu für sein Pferd auf den Kamin. Am 5. Dezember werden sie gegen Geschenke ausgetauscht. Eine spezielle Ehre erweisen die Amsterdamer Sinterklaas: Vom Hafen zieht eine große Prozession zum Königspalast, wo der Nikolaus von Königin Beatrix empfangen wird.
Das Nikolausfest wird in Holland und Flandern seit Jahrhunderten auf ganz besondere Weise begangen. Während es in vielen anderen Ländern vor allem als ein Fest für die Kinder gilt, wird es hier - vor allem in Holland - am Vorabend des 6. Dezember von Jung und Alt, von Christen wie von Nichtchristen gefeiert. Obwohl der Nikolaus immer in der Robe eines Bischofs, der er einst war, erscheint, hat seine Heiligsprechung durch die Kirche für die Niederländer nie eine Rolle gespielt. Sie sehen ihn mehr als eine Art spendablen Supermann, an dessen Festtag Geschenke verteilt werden und man fröhlich feiert. Die Legenden um den Heiligen Nikolaus gehen auf historische Begebenheiten zurück. (s. 4.2 Nikolaus – die historische Figur). Ihm wird nachgesagt, dass er Stürme bändigte, wenn verzweifelte Seeleute ihn um Hilfe anriefen, und Gefängnismauern einstürzten, sobald zu Unrecht Verfolgte zu ihm flehten. Seine Verehrung findet in den vielen Kirchenbauten ihren Ausdruck. Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Holland über zwanzig Sankt-Nikolaus-Kirchen. Amsterdam machte Nikolaus zu seinem Schutzheiligen und Rom erklärte den 6. Dezember, Nikolaus' Todestag, zum offiziellen Feiertag. Die große Bedeutung, die Sankt Nikolaus für die Bewohner der Niederlande und Flanderns hatte, lässt sich vor allem auf seine Rolle als Schutzheiliger der Kaufleute und Seefahrer zurückzuführen. Denn Handel und Schifffahrt spielten in diesen Gebieten immer eine wichtige Rolle. Doch bald rückte sein Ruf als Wohltäter der Kinder stärker in den Mittelpunkt. Im 14. Jahrhundert hatten die Chorknaben der Sankt-Nikolaus-Kirchen am 6. Dezember frei und bekamen ein wenig Geld. Später dann wurden Klosterschüler an diesem Tag von einem als Bischof verkleideten Mönch bestraft oder belohnt. Schon damals trug Nikolaus einen langen weißen Bart, einen roten Mantel und eine Bischofsmütze und führte einen goldenen Stab mit sich.
Alle holländischen Kinder wissen aus Liedern und Kinderreimen, dass Sinterklaas in Spanien lebt. Dort verbringt er die meiste Zeit des Jahres damit, sich in einem grossen roten Buch Notizen über das Verhalten der Kinder zu machen, während sein Helfer, der Zwarte Piet, Geschenke für den nächsten 5. Dezember zusammensucht. Anfang November besteigt Sinterklaas dann seinen Schimmel, der Zwarte Piet schultert den Geschenk-prallen Sack und gemeinsam begeben sie sich an Bord eines Schiffes, der sie in die Niederlande bringt. Mitte November treffen sie ein – immer wieder in einer anderen Hafenstadt - und werden vom Bürgermeister und einer Abordnung der Bürgerschaft offiziell empfangen. Ein festlicher Umzug schließt sich an, den das Fernsehen überträgt, auf dass alle Niederländer den Auftakt zur Nikolauszeit miterleben können. Nachts reiten Nikolaus und Geselle über die Hausdächer. Während Sinterklaas sein Ohr an die Schornsteine legt, um zu hören, ob die Kinder brav sind, sorgt der Zwarte Piet dafür, dass das Heu oder die Karotte, je nachdem, was die Kinder für das Pferd in ihren Schuh am Kamin gelegt haben, gegen ein kleines Geschenk oder ein paar Süßigkeiten ausgetauscht wird. Tagsüber haben sie noch mehr zu tun: Sie besuchen Schulen, Krankenhäuser und Supermärkte und zahllose Familien in ihren Wohnungen. Piet klingelt an den Türen, wirft Süßigkeiten durch den Türspalt und Sinterklaas hinterlässt einen Korb voller Geschenke an der Eingangstür.
Auch die Niederländer sind an den Tagen vor dem Nikolausabend schwer beschäftigt. Es gilt nicht nur Geschenke einzukaufen, sondern vor allem die Gaben fantasievoll zu verpacken, nämlich so, dass man den Inhalt nicht erraten kann. Außerdem gehört zu jedem Geschenk ein lustiges Gedicht. Denn ganz wichtig ist beim Sinterklaasfest der Humor. Bei diesem Fest nehmen traditionell alle, Eltern, Lehrer, Kinder, Freunde und Kollegen einander ein wenig auf den Arm. Jeder Gedichtverfasser darf sich austoben und sich über irgendeine Schwäche, einen peinlichen Vorfall, eine komische Angewohnheit oder ein gut gehütetes Geheimnis des Empfängers lustig machen. Das Opfer packt vor aller Augen sein Geschenk aus und liest das Gedicht zum Vergnügen der Umstehenden laut vor. Da jede Geschenküberraschung vom Nikolaus kommt, ist der tatsächlich Schenkende vermeintlich anonym. Der Beschenkte bedankt sich mit einem „Dankeschön, lieber Sinterklaas!“ laut und deutlich beim Nikolaus persönlich. Viele Niederländer haben am 5. Dezember etwas früher Feierabend als gewöhnlich. Abends sitzt man dann um den Tisch mit dem traditionellen Gebäck. Große Schokoladenbuchstaben - die Anfangsbuchstaben der Vornamen aller Anwesenden - zeigen den Gästen ihren Platz. Der Korb mit den Päckchen von Sinterklaas steht bereit. Nach dem Abendessen werden die Geschenke ausgepackt und die Gedichte reihum vorgelesen. Was zählt, sind Fantasie und die Mühe, die man sich mit einem Geschenk macht und nicht, was es gekostet hat. Gerade deshalb ist das Nikolausfest für jung und alt so ein fröhliches Ereignis.
Von Friedemann Schuchardt
Das Nikolausfest und die vielen verschiedenen Bräuche darum basieren auf den Legenden um den Heiligen Nikolaus. Biblische Bezüge gibt es nicht, doch gelebt hat er wirklich, der Nikolaus, und zwar als Bischof von Myra. Über sein Leben finden sich nur wenig historisch belegte Fakten. Myra in Lykien, heute Kocademre, ist ein kleines Örtchen in der heutigen Türkei (ca. 100 km südwestlich des bekannten Badeortes Antalya) und war im 4. Jahrhundert Bischofssitz. Quellen über sein Leben stammen z. B. von Andreas von Kreta (um 700) und von einem Mönch namens Johannes aus dem im 5. Jahrhundert gegründeten Studitenkloster in Konstantinopel. Nach verschiedenen Überlieferungen ist Nikolaus zwischen 270 und 286 in Patara geboren, einer Stadt in Lykien in Kleinasien. Er sei mit 19 Jahren von seinem Onkel, ebenfalls Bischof von Myra, zum Priester geweiht worden und dann Abt des Klosters Sion in der Nähe von Myra gewesen. In der Christenverfolgung 310 soll er gefangen genommen und gefoltert worden sein. Als Sohn reicher Eltern soll er sein ererbtes Vermögen unter die Armen verteilt haben (was auch von den besser bezeugten Bischöfen des 4. Jahrhunderts Ambrosius von Mailand und Basilius von Caesarea berichtet wird und dort als historische Tatsache gilt). Gestorben ist Nikolaus von Myra am 6. Dezember 326 oder 345 oder 351. Über das Todesjahr gibt es unterschiedliche Überlieferungen.
Bis zur Reform des katholischen Festkalenders im Jahr 1969 gab es die weltweite Verpflichtung zur Feier eines Gedächtnistages für den heiligen Nikolaus. Unabhängig davon ist er in der Volksfrömmigkeit und darüber hinaus tief verwurzelt. Eine Vielzahl von Legenden ranken sich um seine Person, die ihn zu einem der wichtigsten Heiligen in der Katholischen Kirche haben werden lassen.
Keimzelle der Legenden ist die Stratelatenlegende. Diese spielt zu Zeiten Kaiser Konstantins (306 – 337), der mit der „Konstantinischen Wende“ die Ära des Christentums im Römischen Reich einleitete. Die älteste erhaltene Aufzeichnung der Legende wird zwischen 460 und 580 datiert. In der Stratelatenlegende wird erzählt: Nikolaus lernt drei (ost-)römische Feldherren (griech. stratelatos = Feldherr) kennen, die er zu sich nach Myra einlädt. Diese werden Zeugen, wie der Bischof drei unschuldig zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrt, indem er dem Scharfrichter das Schwert aus der Hand reißt. Zurück in Byzanz werden die drei Feldherren Opfer einer Intrige und werden selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker beten sie zum Heiligen Nikolaus, der daraufhin dem Kaiser und dem Intriganten erscheint und im Falle der Hinrichtung erhebliche Konsequenzen ankündigt. Zutiefst erschrocken veranlasst der Kaiser die unverzügliche Freilassung der Feldherren.
Unter den zahlreichen Legenden finden sich beispielsweise die beiden Folgenden:
Ausstattung der drei Jungfrauen: Ein verarmter Mann beabsichtigt, seine drei Töchter zur Sicherung der Mitgift zur Prostitution zu schicken. Nikolaus, noch nicht Bischof und gerade durch Erbe mit einem größeren Vermögen ausgestattet, erfährt von der Notlage und wirft in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers mit den drei Jungfrauen. In der dritten Nacht gelingt es dem Vater, ihn zu entdecken, ihn nach seinem Namen zu fragen und ihm herzlich zu danken. Aus dieser Legende entspringt die häufige ikonografische Darstellung mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln.
Stillegung des Seesturms: In Seenot geratene Schiffsleute rufen in ihrer gefährlichen Lage den heiligen Nikolaus an. In der Tat erscheint ihnen ein mit Wunderkräften ausgestatteter Mann und übernimmt die Navigation, setzt die Segel richtig und bringt sogar den Sturm zu Abflauen. Daraufhin verschwindet der Mann wieder. Als die Seeleute in der Kirche von Myra zum Dank für die Errettung beten, erkennen sie den Heiligen und danken ihm.
In der Russisch-Orthodoxen Kirche wird Nikolaus neben Christus und Maria mit Kind die dritte große Ikone auf der Ikonostase der Kirchen gewidmet. Andere orthodoxe Kirchen zeigen dort meist Johannes den Täufer. Überall wurden ihm zu Ehren Kirchen gebaut. In der orthodoxen Kirche ist seine Verehrung seit dem 6. Jahrhundert belegt, als Justinian I. in Konstantinopel eine ihm geweihte Kirche errichtete. Nikolaus ist insbesondere der Schutzpatron der Seefahrer, Händler, Ministranten und Kinder. Die zahlreichen Legenden führten dazu, dass der Heilige Nikolaus von vielen weiteren Gruppen als Schutzheiliger auserwählt wurde, so Studenten, Kaufleuten, Getreidehändlern, Pfandleihern, Juristen, Apothekern, Schneidern, Küfern, Fuhrleuten, Salzsiedern, Gefängniswärtern, Dreschern. Selbst die Metzger machten den Heiligen – wegen der Scholaren im Pökelfass – zu ihrem Patron. Als Nationalheiliger und Schutzpatron wird Nikolaus vor allem in Russland und in Lothringen verehrt.
Im Osten wie auch im Westen scheint die Stratelatenlegende Auslöser und Kern weiterer Legenden und der Nikolausverehrung gewesen zu sein. Nach Deutschland kam der Nikolauskult im 11. Jahrhundert, vermutlich durch Theophanu, die sizilianisch-normannische Frau Otto des II. Die erste deutsche Nikolausbiografie kann für das 13. Jhd. nachgewiesen werden. Dieser Text ist nur noch fragmentarisch erhalten. Der „Renner“ unter den Nikolaus-Viten im lateinischen Abendland schrieb in der zweiten Hälfte des 13. Jhd. der Dominikaner Jacobus von Genua. Seine berühmte „legenda aurea“, zuerst lateinisch abgefasst, ordnet die Heiligen nach dem Kirchenjahr und behandelt den Heiligen Nikolaus gleich nach dem Heiligen Andreas. In den Klosterschulen wurde es Brauch, dass am Nikolaustag ein Schüler den „Bischof“ spielen durfte und alle auf ihn hören mussten. Damals begann man damit, die Kinder an diesem Tag zu beschenken. Seit dem 8./9.Jhd. feierte man im Westen das Fest des Heiligen Nikolaus am 6. Dezember, seinem Todestag. Die ursprüngliche hohe liturgische Bedeutung des Nikolaustages hatte profane Auswirkungen. So gab es ein besonderes Essen als Zeichen des Festes. Alles, was heute in der Advents- und Weihnachtszeit und darüber hinaus an Speisen und Getränken angeboten wird, hat seinen Ursprung im Nikolausfest. Ursprünglich war der Nikolaustag auch der Tag der Weihnachtsbescherung. In einigen Ländern ist er dies auch heute noch. Erst mit der Reformation (Luther lehnte Nikolaus als Heiligen ab) entwickelte sich zunächst bei Protestanten der Brauch, an Weihnachten Kinder, später auch Erwachsene zu beschenken.
Nikolaus trug wie alle frühchristlichen Bischöfe Gewänder und Mitra in Gold und Weiß. Die Figur des Nikolaus wird im Gewand eines Bischofs dargestellt, wie es in katholischen Gebieten noch heute praktiziert wird. Dass die Vermischung mit der Figur des Weihnachtsmanns und die Darstellung mit roter Kutte und weißem Pelzkragen 1931 aus einer Coca-Cola-Werbekampagne in den USA entstand, ist eine zwar gern kolportierte, aber nicht ganz zutreffende „Urban Legend“. Die Farbgebung rot-weiß (die Hausfarben von Coca-Cola) war schon länger in vielen Gebieten üblich, allerdings nicht die Kleidungsstücke. Die traditionelle Nikolausfigur trägt Mitra, Hirtenstab und eben nur einen langen Bischofsmantel, während der Weihnachtsmann eine rote Zipfelmütze, eine rote Hose und eine rote Jacke trägt. Dieses war allerdings schon vor dem Coca-Cola-Werbefeldzug überwiegend die Kleidung des Weihnachtsmannes.
Bekanntester Brauch ist, dass Kinder am Vorabend des Nikolaustages ihre Schuhe vor die Tür stellen oder lange Strümpfe aufhängen, die über Nacht vom Nikolaus gefüllt werden. Der Einlegebrauch, d. h. das nächtliche Füllen der Schuhe o. ä., basiert auf der Legende von den drei Jungfrauen, die nachts vom heiligen Nikolaus beschenkt wurden. Indessen bringt der Nikolaus nicht nur Geschenke: In vielen Erzählvarianten beschenkt und lobt er die guten Kinder, während er die bösen tadelt und durch Schläge mit einer Rute bestraft. Welche Kinder im letzten Jahr gut und welche böse waren, liest er in seinem "goldenen Buch". Viele Eltern laden ehrenamtliche oder bezahlte Nikolause ein, den Kindern zu Hause eine derartige "Predigt" zu halten, die jedoch stets mit einer Bescherung endet.
In anderen Ländern ist Nikolaus auch unter folgenden Namen bekannt: Klass, Sint Nicolaas, Sinterklaas (Niederlande), Samichlaus (Schweiz) oder Kleeschen (Luxemburg). Father Christmas (England), Père Noël (Frankreich), Noel Baba (Türkei), Santa Claus (Nord-Amerika), Papai Noel (Brasilien) haben ihren Ursprung im heiligen Nikolaus, werden aber zu Weihnachten gefeiert.
Die Legenden erzählen, wie Nikolaus z.B. armen Familien half, in denen er Geldgeschenke durchs Fenster warf. Zentral geht es bei allen Legenden um das Thema Hilfe für Menschen in Not, Menschen in Angst. Hier werden ein christliches Grundthema und der Wertekanon zentral angesprochen. In der Vergangenheit missbrauchte man den Nikolaus oft dazu, als „Erziehungsfaktor“ zu dienen. Das passt überhaupt nicht zu den Legenden. Kinder verbinden gerne die positiven Seiten mit dieser Figur: Beschenkt zu werden und auch zu schenken. So führt uns das Nikolausfest näher an Weihnachten heran, an das Kind in der Krippe, das Geschenk Gottes an uns Menschen.
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